Helfen würde fürs Erste ein Ausflug in die Realität. Statt zu konferieren und zu planen, besuchen Politiker und Bosse ein beliebiges Autohaus von VW Vz. (WKN: 766403), BMW (WKN: 519000) oder Mercedes (WKN: 710000). Am Eingang geben sie die goldene Kreditkarte ab und stecken die Geldbörse von Otto Normalverbraucher ein, leihweise natürlich, um dann mit dessen Augen und Finanzkraft durch die Verkaufsausstellung zu gehen. Volkswagen zu Volkspreisen werden sie kaum finden. Stattdessen warten dort in Reihe schwere E-Karossen, für die mittlere fünfstellige Summen aufgerufen werden.
In diesen Showroom-Momenten funktioniert die Marktwirtschaft – egal wie viel gefördert, geplant und gestraft wird. Der Durchschnittskunde wird angesichts der überschweren elektrischen Fortschrittsmobile weinen oder lachen, auf jeden Fall wird er zur französischen, japanischen oder chinesischen Konkurrenz hinüberwechseln. Die Aktionäre machen dies ähnlich. Die Autobosse werden nach dem Besuch in den eigenen Verkaufshallen dringend ihre Hausaufgaben machen müssen und die Politiker werden … ja, was eigentlich? Wofür sind sie gewählt worden von Bürgern und Verbrauchern?
Makrosicht
Der ifo-Geschäftsklima-Index misst die Stimmung bei deutschen Unternehmen. Im September ist der Index zum vierten Mal in Folge gefallen, erreicht nur noch 85,4 Punkte. Multiple Krisen machen Deutschland (wieder) zum kranken Mann Europas. Die meisten Krisen dürften selbst verschuldet sein. So ist durch politische Entscheidungen die Energie künstlich verteuert worden. Was nun zur Folge hat, dass die Industrie zunehmend flieht, da sie mit ihrer inländischen Produktion auf den Weltmärkten nicht länger wettbewerbsfähig ist. Dafür wuchert die Bürokratie. Vorschriften ersticken den Unternehmergeist. In staatsnahen Verwaltungen werden immer neue Stellen geschaffen, die wenig beitragen zur Produktion, zum Fortschritt und zum Wohlstand der Bevölkerung. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt der Investmentgesellschaft Bantleon, meint sorgenvoll: „Angesichts der schwachen deutschen Wirtschaftsdaten stellt sich die Frage, ob sich daraus eine neue Abwärtsspirale entwickelt, welche Deutschland in eine tiefe Rezession stürzt.“
Zum Glück für Anleger ist bei der Kursentwicklung des deutschen Leitindex DAX von einer drohenden Rezession bisher nichts zu sehen. Das mag auch daran liegen, dass die DAX-Konzerne frühzeitig auf Internationalisierung gesetzt haben. Sollte sich allerdings ein Zollkrieg mit China entwickeln, könnte die Luft für den DAX dünn werden. Die US-Präsidentschaftswahlen und deren Ausgang könnten eine weitere Belastung darstellen. So drohte Trump der Exportnation Deutschland mit Zöllen zum Schutz der US-Wirtschaft. Vorausschauende Anleger werden solche Faktoren in Überlegungen einbeziehen und eventuell Depotpositionen neu justieren, indem sie zum Beispiel mit dem EUWAX Gold ETC (WKN: EWG2LD) die Anlageklasse wechseln oder geographisch weiträumig ausweichen und mit einem iShares Core MSCI EM ETF (WKN: A2JDYF) auf Schwellenländer setzen.
Rechenzentren
Microsoft (WKN: 870747) braucht für seine KI-Anwendungen viel Strom und trifft deswegen mit dem Solar- und Atomkraftwerkbetreiber Constellation Energy (WKN: A3DCXB) eine 20-Jahresvereinbarung: Constellation Energy wird den AKW-Komplex Three Mile Island in Pennsylvania wieder hochfahren und von dort Microsofts Rechenzentren mit zuverlässigem Grundlaststrom versorgen. Three Mile Island war nach einer teilweisen Kernschmelze 1979 abgeschaltet und für die Anti-AKW-Bewegung zum Symbol für die Gefahren der Atomkraft geworden. Das ist über 40 Jahre her. Die Sicherheitstechnik ist heute auf höherem Stand als damals. Während Deutschland auf dem Atomausstieg beharrt und Beispiel sein will, steigt man in den USA und auch sonst auf der Welt verstärkt in neueste Reaktortechnologie ein. Insofern dient Deutschland tatsächlich als Beispiel … wie man den Anschluss verpasst.
Außerhalb Deutschlands brechen für Atomkraftwerksbetreiber gute Zeiten an. Seit Microsofts Ankündigung ging der Kurs von Constellation Energy um 25% in die Höhe. Das Ende der Hausse muss nicht erreicht sein. Der gesamte Sektor steht möglicherweise vor einer Neubewertung. Auch unser Musterdepotwert, der integrierte Uran-Konzern Cameco (WKN: 882017) legte in den letzten Tagen zu. Ebenso einen Blick wert ist der Nukleartechnologiekonzern BWX Technologies (WKN: A14V4U).
Zu den Märkten
Beim DAX 40 setzten sich die Wechselbäder der letzten Wochen fort. Doch der Reihe nach. Am vergangenen Donnerstag erreichte der deutsche Leitindex ein frisches Allzeithoch und schloss erstmals knapp über 19.000 Punkten. Doch die Freude währte auch diesmal nur kurz. Unmittelbar danach sackten die Blue Chips am Freitag um rund 1,5% ab und schlossen nahe den Tagestiefs. An diesem Tag entfaltete jedoch ein Sonderthema seine Wirkung. Es war großer Verfallstag, der sogenannte Hexensabbat, an dem die Abrechnungspreise für Futures und mehrere Optionsserien bestimmt werden. Entsprechend umkämpft war das Kursgeschehen zwischen den Parteien. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass die Marktteilnehmer danach wieder zur Tagesordnung übergehen, was sie am Montag und Dienstag auch taten. Erneut ging es Richtung Allzeithoch, ein neuer Schlussrekord konnte aber nicht verbucht werden. Bis dahin bleibt der Index erst einmal weiter im Niemandsland, zumal der Kursaufschwung der laufenden Woche bislang lustlos verlief.
Fazit
Es bedarf keiner Prognosekunst, dass der aktuelle Versuch der Mikrosteuerung, wie er von Bundeswirtschaftsminister Habeck praktiziert wird, ebenso scheitern wird wie alle anderen zuvor. Gar keine Wirtschaftspolitik wäre da allemal besser als eine solche. Auch die Wirtschaft hat – frei nach Roland Baader – das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.