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Kolumnist: Ralf Flierl

Die neue Angst vor der Rezession




17.03.22 10:03
Ralf Flierl

Waffen- und sonstige Geschäfte zwischen Krieg und Corona

„Sumo-Flieger“


Bei amerikanischen Testpiloten gibt es eine einfache Weisheit: Sieht der Vogel gut aus, fliegt er auch gut. Sieht er plump aus, fliegt er plump. Auf den Betrachter wirkt die F-35, als habe sie ein paar Pfunde zu viel auf den Spanten. Aber sei’s drum, der Kanzler scheint entschlossen, kurzerhand 35 dieser Waffensysteme zu beschaffen. Bei Lockheed Martin, dem börsennotierten Produzenten des „Sumo-Fliegers“, zückt man schon einmal das Auftragsbuch. Die Bestellung der 35 Jäger, die alles Mögliche können sollen, aber nichts so richtig gut, dürfte im Aktienkurs des US-Rüstungskonzerns inzwischen zwar schon enthalten sein, die lukrativen Folgewirkungen der Luftwaffenbestellung aber wohl noch nicht. Denn wenn Deutschland, das Land der Tüftler und Ingenieure, das Projekt „35 F 35” durchzieht, ist das auch ein Ritterschlag für den Stealth-Fighter und ein Verkaufsargument, welches die cleveren Lockheed-Verkäufer künftig nutzen werden können – bei NATO-Partnern, Scheichs und gewogenen Potentaten. Hinzu kommen lukrative Wartungsaufträge und Ersatzteilbestellungen. Die Betriebskosten einer F-35 sollen bei 36.000 USD pro Flugstunde liegen. Bei solchen Zahlen blutet Steuerzahlern zwar das Herz, bei Aktionären schlägt es dafür umso höher.


Gut aufgestellt


Egal ob „Frieren für den Frieden“ angesagt ist, ob Atomkraftwerke wieder hochgefahren werden sollen oder ein Windrad neben jeden Kirchturm gepflanzt wird: E.ON und RWE werden zu den Gewinnern gehören. Irgendwer muss schließlich dafür sorgen, dass der Strom aus der sprichwörtlichen Steckdose kommt und die Heizungen warm werden. Die beiden großen Versorger verfügen für jedes Szenario über das nötige Know-how, die notwendigen Kraftwerke und das erforderliche Kapital. Da mag man gegen die Konzerne noch so schimpfen und demonstrieren, an ihnen führt einfach kein Weg vorbei. RWE probiert zurzeit einen besonders spannenden Spagat: Zum einen macht der Versorger noch in Braunkohle, zum anderen wandelt er sich zeitgleich zu einem der größten Ökostromproduzenten Europas. Und auch E.ON lässt sich nicht lumpen. In den heute vorgelegten Jahreszahlen verbesserte sich der bereinigte Konzerngewinn deutlich. Mit 15% ist das Unternehmen zudem an der Gaspipeline Nord Stream 1 beteiligt, wohlweislich aber nicht an Nord Stream 2, deren Genehmigungsverfahren von der Bundesregierung bekanntlich vorerst (?) gestoppt wurde. Im Geschäftsfeld erneuerbare Energien sei E.ON, zumindest nach Meinung einiger Experten, sogar noch besser aufgestellt als RWE.


„Corona is coming home“


China stemmt sich erneut gegen ansteigende Corona-Fallzahlen. Im Rahmen der dortigen Null-Covid-Strategie wurde ein einwöchiger Lockdown über das Industriezentrum Shenzhen verhängt. Die Auswirkungen auf die Märkte waren erheblich, weil dort nicht nur Apple-Lieferant Foxconn produziert, sondern Dutzende weitere Hochtechnologieunternehmen ihre Produktionsstätten unterhalten. Gestern schüttelte die Sorge vor weiteren Lieferengpässen und Knappheiten in der Chipindustrie die Börse in Hongkong kräftig durch. Der Hang Seng Index endete mit einem Minus von satten 5,7%. Heute gab es dann erst einmal Entwarnung: Zum einen signalisierten chinesische Staatsmedien, dass die Regierung eventuell stützend eingreifen könnte, zum anderen gab Foxconn bekannt, dass man die Produktion bereits teilweise, in sogenannten geschlossenen Kreisläufen, wieder aufgenommen habe. Der Hang Seng quittierte die Nachrichten mit einem gewaltigen Kurssprung von rund 9%. Auch im zweiten Corona-Jahr scheinen viele Regierungen planlos zwischen Null-Covid-Fantasien und einer sich zunehmend abzeichnenden endemischen Corona-Normalität zu schwanken. So gesehen bilden die weiter volatilen Märkte zu einem Gutteil auch nur das weltweit nicht weniger volatile Regierungshandeln ab.


Rezession voraus?


Signalisieren die zwischenzeitlich bzw. per Saldo stark gefallenen Börsenkurse in China, USA und Europa vielleicht bereits eine globale Rezession? Das lässt sich zumindest nicht mehr ausschließen. Denn ausgerechnet in diesem Umfeld einer bereits extrem verunsicherten Wirtschaft mit stark angespannten Lieferketten, wird heute mit einer ersten Zinserhöhung durch die US-Notenbank gerechnet. Fed-Chef Powell will diese nach der Notenbanksitzung in Washington D.C. gegen 19 Uhr unserer Zeit verkünden, falls er es sich im letzten Moment nicht doch noch einmal anders überlegt. Der Mann steht vor einem echten Dilemma: In den USA liegt die Inflationsrate der Erzeugerpreise inzwischen bei satten 10%, ein Wert, den die meisten Beobachter noch vor kurzem nicht annähernd für möglich gehalten hatten.


Der Krieg in der Ukraine, Sanktionen, Rohstoffknappheiten und Lieferengpässe sind die Argumente, die für den Preisauftrieb herangezogen werden. Letztlich aber sucht sich auch die über viele Jahre von den Notenbanken selbst im Übermaß geschaffene Liquidität nun dort ein Ventil, wo Knappheiten weitere Preissteigerungen erwarten lassen. So sehr die Börsen kurzfristig eine falkenhaft agierende Notenbank verabscheuen, so wenig kann ihnen langfristig an einer Notenbank gelegen sein, die ihre Glaubwürdigkeit vollends verspielt und eine ausufernde Inflation billigend in Kauf nimmt. Übrigens: Jerome Powell ist bekennender Fan des früheren Fed-Chefs Paul Volcker. Der trieb den Börsianern in den 1970ern die Tränen in die Augen, als er die Zinsen in der Spitze bis auf 20% erhöhte, wodurch er allerdings den damaligen Inflationssumpf in den USA auf Jahre hinaus trockenlegen konnte.


Positive Schlaglichter


Während landauf, landab nur noch von Krise, Corona und Krieg gesprochen wird, sollten aber auch die positiven Schlaglichter nicht übersehen werden. So gab der US-Halbleitergigant Intel gestern bekannt, dass Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg den Zuschlag für ein 17 Mrd. EUR teures Halbleiterwerk erhalten habe, das größte seiner Art in Europa. Nach Elon Musks Entschluss, ein Tesla-Werk in Brandenburg hochzuziehen, ist das der zweite große Ansiedlungserfolg im Hightech-Bereich für Deutschland. Für den Standort haben diese Entscheidungen eine positive Signalwirkung und lassen für einen Moment Bürokratie, Steuerlast und Energiekosten in den Hintergrund treten. Richtig ist aber auch, dass um solche internationalen Megaansiedlungen kräftig gebuhlt wird, diese also nicht zu den „Jedermann-Konditionen“ erfolgen, unter denen der deutsche Mittelstand zu leiden hat. Und auch der Subtext ist interessant: Beide Prestigeinvestitionen erfolgten in den, noch immer so genannten Neuen Bundesländern, die von den Meinungsbildnern häufig, aber zu Unrecht, als etwas rückständig verunglimpft werden.


VTAD-Award 2022


Die Technische Analyse spielt auch in unserem Magazin immer wieder eine wichtige Rolle – beispielsweise in der Heftrubrik „Phänomene des Marktes“, die sich mit systematischen Erscheinungen an den Börsen beschäftigt, oder in den chart- und markttechnischen Einschätzungen in der Rubrik „Charttechnik“ oder in diesem Newsletter. Aus Ihren Rückmeldungen wissen wir, dass viele unserer Leser sich nicht nur für das Thema interessieren, sondern teils ausgefeilte eigene Analysesysteme entwickelt haben. Für sie könnte der VTAD-Award 2022 von Interesse sein: Die VTAD e.V. – Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands – lobt dieses Jahr nicht nur Preisgelder in Höhe von insgesamt 3.000 EUR aus. Die Gewinner können zusätzlich ihre Arbeiten im Rahmen der regulären VTAD-Mitgliederversammlung einem interessierten Fachpublikum präsentieren und sich so als innovative Techniker einen Namen machen. Nähere Informationen finden Sie auf der Webseite des VTAD. Arbeiten werden ab sofort angenommen, die Einreichungsfrist endet am 22. August 2022.


Zu den Märkten


Mit dem heutigen Tag hat der DAX gegenüber dem Tief des Mittwochs der Vorwoche über 1.000 Punkte zugelegt. Seit dem Beginn des Ukrainekriegs begleitet uns diese außergewöhnlich hohe Volatilität, die sich in den letzten Wochen vor allem auf dem Weg nach unten zeigte. Mit einem Stand von ca. 14.350 zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe liegt der DAX nur noch gut 4% unter dem massiven Ausbruchsniveau von 15.000 Punkten (vgl. Abb., rote Waagrechte). Schwer vorstellbar, dass mit diesem Mini-Minus der Krieg in der Ukraine und die Verwerfungen der Weltwirtschaft, von der Deutschland in besonderem Maße abhängig ist, bereits ausreichend eingepreist sind. Betrachtet man die Umsatzentwicklung, dann nimmt die Beteiligung während dieser Erholungsbewegung stark ab (vgl. Abb., Markierung im unteren Teil).


Das würde eher auf eine technische Reaktion hindeuten als auf einen neuen Aufwärtstrend. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass nach Tagen mit Panikverkäufen erst einmal alle nachfolgenden Umsätze vergleichsweise moderat wirken. Das heutige Aufwärts-Gap (hellblaue Markierung) ist eher positiv zu sehen. Aber, selbst wenn wir der positiven Interpretation des Kursgeschehens folgen, dann fehlen nur noch rund 650 Punkte bis zu dem erwähnten, äußerst massiven Widerstand bei 15.000 Punkten. Das ist kein attraktives Chance-/Risiko-Verhältnis, zumal ein Test der Panik-Tiefs durchaus im Bereich des Möglichen liegt, vor allem dann, wenn die Hoffnungen auf einen Waffenstillstand wieder in die Ferne rücken. Auch von den Notenbanken, die zwar grundsätzlich in der Lage wären, eine liquiditätsgetriebene Hausse zu erzeugen, ist angesichts der aktuellen Inflationszahlen erst einmal keine Unterstützung zu erwarten. Man muss schon froh sein, wenn es heute nicht allzu viel Gegenwind von der Fed gibt und lediglich die Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte kommt, die bereits eingepreist sein dürfte.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem Aktien-Musterdepot und in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Auch wenn die Märkte für heute eine Zinserhöhung bereits eingepreist haben, leben wir nun in einer Welt geopolitischer und wirtschaftlicher Verspannungen bei perspektivisch weiter leicht steigenden Zinsen. Die Themen Rezession bzw. Stagflation – siehe auch der neue Smart Investor 4/2022, der in knapp zwei Wochen erscheint – werden uns vermutlich noch häufiger beschäftigen.

Frank Sauerland, Ralph Malisch






 
 

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