In der letzten Ausgabe dieses Newsletters hatten wir die erfolgreichsten Länder- und Branchen-Indizes während der ersten beiden Monate des Jahres 2023 betrachtet. Zu den stärksten Aktien während dieser Periode gehörten die Banktitel. Dieses überraschende Ergebnis ist erklärbar – zumindest im Nachhinein. Denn mit der Rückkehr des Zinses konnten die Banken ihre Zinsmarge erheblich ausweiten. Das ist genau jenes Brot-und-Butter-Geschäft des Bankwesens, das in Zeiten des Niedrig-, Null- und Negativzinses nur eingeschränkt funktionierte, weshalb sich viele Institute bei der Suche nach Erträgen auf risikoreichere Geschäfte verlegten.
Zombies, wo seid Ihr?
Betrachtet man die Kursentwicklung, scheint die Welt der Banken nun also wieder in bester Ordnung zu sein. Allerdings sollte man sich daran erinnern, warum die Notenbanken seinerzeit den Zins in historisch niedrige Regionen heruntermanipuliert hatten, was selbst jenen Banken schadete, denen die Aktion eigentlich auch helfen sollte. Damals war noch die entgegengesetzte Argumentation richtig, wonach nur der Niedrigzins geeignet sei, das Problem der Schuldenlawine in den Griff zu bekommen. Denn auf diese Weise sollte die Dynamik des Schuldenzuwachses über den Zins- und Zinseszinseffekt verlangsamt werden, um den besonders hochverschuldeten Unternehmen und Staaten eine Atempause zu verschaffen. Der Preis war nicht nur die Erosion der Zinsmarge, sondern auch eine aufgestaute Bereinigungskrise bei sogenannten Zombie-Unternehmen, also solchen, die einen normalen Zinssatz aus dem laufenden Geschäftsbetrieb nicht länger leisten konnten. Es waren Experten wie der ehemalige Degussa-Chef Dr. Markus Krall, die vor diesem Hintergrund vor den verheerenden Auswirkungen eines Zinsanstiegs auf die Bilanzen europäischer Banken gewarnt hatten. Das Argument war, dass die mittels Niedrigzins mühsam unter dem Deckel gehaltenen Probleme bei einem Zinsanstieg aufbrechen würden und gigantische Löcher in die Bankbilanzen reißen würden. Um ein solches Szenario zu vermeiden, mussten die Banken über viele Jahre den Preis in Form einer zusammengeschrumpften Zinsmarge bezahlen.
Rekordgewinn dank Zinswende
Der Markt geht offenbar davon aus, dass die Zwischenzeit sinnvoll genutzt wurde und die Banken derart wetterfest gemacht wurden, dass sie mit der bereits angelaufenen Pleitewelle gut zurechtkommen werden. Der vor Jahren schon totgesagten Commerzbank spülte die Zinswende ein Konzernergebnis von +1,4 Mrd. EUR in die Kassen, den höchsten Gewinn seit mehr als zehn Jahren. Auf der anderen Seite wächst der Druck auf die Zombie-Unternehmen, was perspektivisch zu einer erhöhten Risikovorsorge führen könnte. Es bleibt eine Gratwanderung mit ungewissem Ausgang. Mit den Zahlen der nächsten Quartale sollte sich herauskristallisieren, welcher der beiden Effekte letztlich die Oberhand gewinnt. Gut möglich, dass in der aktuellen Kursentwicklung doch ein bisschen zu viel Optimismus steckt.
Politik & Geld
In einem anderen Fall erfüllten sich die Hoffnungen der Niedrigzinspolitik ohnehin nicht. Das Gegenstück zu den Zombie-Unternehmen sind jene hochverschuldeten „Zombie-Staaten“, die im Mittelpunkt der Schuldenkrise standen. Der gewonnene Spielraum wurde beispielsweise in Italien nicht etwa genutzt, um die Schulden zurückzuführen, sondern, um diese weiter auszuweiten. So stieg die dortige Staatsverschuldung in den letzten zehn Jahren um zusätzliche 35% an. Dies ist noch nicht einmal eine italienische, sondern eine politische Eigenheit: Die Erwartung, dass die Politik Schulden zurückführen würde, sobald sich ein entsprechender Spielraum eröffnet, ist etwa so naiv wie die Vorstellung, der sprichwörtliche Hund würde den sprichwörtlichen Knochen für schlechtere Zeiten aufsparen. Auch die Bundesrepublik hat in dieser Hinsicht keinen Grund auf einem hohen Ross zu sitzen, denn auch hier schießen die Schulden seit Jahren, und unter der „Ampel“ noch einmal verstärkt, ins Kraut. Da helfen auch Umetikettierungen als „Sondervermögen“ nicht.
Große Schulden, kleine Grenze
Die Schulden steigen also praktisch immer, mal automatisch durch den Zinseszinseffekt, mal durch willentliche Handlungen aufgrund eines vermeintlich wieder vergrößerten Spielraums. Auch die USA laufen aktuell mit Volldampf auf die selbst auferlegte Schuldengrenze von zuletzt 31,4 Bio. USD zu – wieder einmal. Im Juli droht nach aktuellen Berechnungen der Zahlungsausfall, falls es nicht vorher zu einer Einigung zwischen Weißem Haus und Kongress kommen sollte. Im Prinzip ist der Theaterdonner bestens eingeübt, in einem Vorwahljahr – wie aktuell – geht es aber auch um die Ausgangspositionen für die Präsidentschaftswahl. Es wird also mit härteren Bandagen als üblich gekämpft werden, zumal die oppositionellen Republikaner im Repräsentantenhaus über die Mehrheit und damit über einen gewissen Hebel verfügen. Am Ende, soviel darf verraten werden, werden die USA natürlich auch diesmal nicht bankrottgehen – so wie bereits zig Male zuvor.
Mit der Privatjacht zum Terror-Ausflug?
Apropos USA: Neuigkeiten gibt es von der Sprengung der Nordstream-Pipelines, dem wohl größten Kriminalfall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dem massenmedial allerdings nur widerwilliges Interesse entgegengebracht wurde. Etwas Bewegung kam in die Angelegenheit als der US-Enthüllungsjournalist und Pulitzer-Preis-Träger Seymour Hersh die These aufstellte, dass die USA und Norwegen für die Anschläge verantwortlich seien. Seine Quellen wollte er freilich nicht preisgeben, was angesichts der Brisanz der Anschuldigungen auch irgendwie nachvollziehbar ist. Nun berichtete die New York Times unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise – also den Geheimdienst jenes Landes, das eben noch beschuldigt wurde – über eine weitere Spur: Demnach soll eine „pro-ukrainische Gruppe“ hinter den Anschlägen stecken. Dabei wurde allerdings betont, dass diese erfahrenen Taucher weder Verbindungen zum Militär noch zum Geheimdienst oder gar zur Regierung hätten – natürlich auch nicht zur Bäckerinnung, zum Automobilclub oder zu den Kaninchenzüchtern. Dennoch ist es höchst praktisch, dass sich dieses Kaninchen noch im Hut finden ließ – natürlich inklusive der obligatorischen Reisepässe, die bei solchen Gelegenheiten gerne gefunden werden. Insbesondere die meinungsbildenden Medien mit transatlantischem Stallgeruch goutierten die neue Story entsprechend. Denn spätestens seit der Ermordung John F. Kennedys erfreuen sich freischaffende Einzeltäter in der offiziellen Geschichtsschreibung größter Beliebtheit. Gäbe es sie nicht, man müsste sie erfinden. Warten wir in der Sache also auf den abschließenden „Warren-Report“.
Bleiches Silber
Weiterhin unerfreulich ist die Kursentwicklung bei den Edelmetallen. Es war einmal mehr Fed-Chef Jerome Powell, der den Gold- und Silber-Fans am Dienstag in die Suppe spuckte, als er öffentlich über ein höheres Tempo bei Zinserhöhungen nachdachte. Besonders betroffen war Silber, das um 4,3% nachgab. Schon der Februar war für das weiße Metall ein äußerst schwacher Monat, der März-Auftakt sieht bislang nicht besser aus. Ein kleiner Trost lässt sich aus dem Langfristchart herauslesen. Demnach befindet sich Silber – gerechnet in US-Dollar – weiter in einer untypisch großen Korrekturflagge (hier nur teilweise sichtbar), die prinzipiell bullisch zu interpretieren wäre und bei einem Verlassen nach oben erhebliches Aufwärtspotenzial eröffnen würde. Allerdings ist es dazu bislang nicht gekommen. Mehr noch, die ohnehin untypische Flagge wurde Ende 2022 massiv auf der Unterseite verletzt und es konnte zuletzt nicht einmal mehr die obere Begrenzung erreicht werden, bevor es zu dem beschriebenen Abschwung kam. Gewiss, der enge Silbermarkt ist für seine ungestümen Preisbewegungen bekannt und insgesamt eher ein Spezialistenthema. Aber er hat noch in jeder echten Edelmetallhausse den sehr viel größeren Goldmarkt letztlich überflügelt, was auf die Kombination aus Marktenge und spekulativer Nachfrage zurückzuführen ist. Eine solche Outperformance ist im Moment aber weit und breit nicht zu sehen, so dass eine nachhaltige Edelmetallhausse derzeit aus diesem Blickwinkel unwahrscheinlicher geworden ist.
Zu den Märkten
Aktuell kämpft der DAX mit seinem Hoch vom 9. Februar. Wie schon in der letzten Woche beschrieben, ist die Dynamik des Jahresanfangs aus dem deutschen Leitindex zu einem Gutteil gewichen. Zwar stemmte sich der Markt gegen Ende der Vorwoche sogar mit einem Aufwärts-Gap gegen den Abverkauf vom vorangegangenen Freitag, doch vor dem eingangs erwähnten Bewegungshoch zeigte der DAX zunächst Respekt. Auch der seit Oktober 2022 währende, und bis zum 24. Februar weitgehend intakte Aufwärtstrend konnte noch nicht wieder zurückerobert werden. Das deutet auf eine zunächst etwas gemächlichere Gangart hin. Aktuell ist das noch keine Trendumkehr. Über eine solche müsste man allerdings ernsthaft nachdenken, falls die bisherigen Verlaufstiefs im Bereich von 15.150 Punkten signifikant unterboten würden. Bis dahin verbuchen wir die jüngsten Kursbewegungen als Konsolidierung, in deren Folge ein erneuter Test des Februar-Hochs möglich bleibt.
Fazit
Die Märkte, insbesondere die Bankaktien, haben den Zinsanstieg erstaunlich gut verdaut. Möglicherweise werden die negativen Aspekte der Zinswende im Moment zu wenig wahrgenommen, was einiges an negativem Überraschungspotenzial beinhaltet.