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Kolumnist: Ralf Flierl

Der blaue Haken




25.02.23 18:09
Ralf Flierl

Zuckerberg macht den Musk, und Anleger machen Gewinne – falls sie die richtigen Märkte wählen.


 


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Titelbild: © Maksim Kabakou – stock.adobe.com


 


Die versteckte Wende


 


Unsere ersten beiden Nachrichten hängen zusammen. Sie sind ein Krisenanzeiger für die USA. Neue Chancen finden Anleger dagegen in Europa, unsere ziemlich überraschende Nachricht Nr. 3 (s. u.).


 


Nachricht 1:


 


Zuckerberg macht den Musk. Der Facebook-Gründer und CEO der börsennotierten Meta Platforms, Mark Zuckerberg, führt bei Instagram und Facebook schrittweise einen „Personen-Echtheitsnachweis” ein. Wer Meta seinen Ausweis vorzeigt und eine monatliche Gebühr bezahlt, die Rede ist von 12 bis 15 USD, der bekommt ein „Verified”-Abzeichen neben seinen virtuellen Auftritt gepappt. Man kennt diese zumeist blaugefärbten Bezahlhaken bereits von Twitter, wo Elon Musk sie letztes Jahr und sehr zum Unmut der Nutzer eingeführt hatte. Denn der Haken am Haken ist, dass er kostet. Genau das soll aber die Lösung für ein Problem sein, das Musk und Zuckerberg gleichermaßen haben: Sie brauchen jenes Geld, das bei den Werbeeinnahmen zunehmend fehlt, denn bei weiter unsicherer Wirtschaftslage werden die Unternehmen bei den Werbebudgets immer knausriger.


 


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Nachricht 2: 


 


Die USA gehen pleite, wieder einmal. Der Staat hat sich ein Schuldenlimit gesetzt. Es liegt bei einer für Normalgehirne unvorstellbar hohen Summe: 31.400 Mrd. USD. Aber auch dieses Limit wurde gerissen, wie sämtliche Schuldenlimits zuvor. Das geschah bereits im letzten Monat und die oppositionellen Republikaner lehnen Präsident Bidens Begehren einer Limit-Erhöhung ab – schließlich ist nächstes Jahr Präsidentschaftswahl. Letzter Stand: Das Budget Office lässt den Kontrahenten noch Zeit bis zum Juli. Dann müsse man sich geeinigt haben, sonst wäre der Staatsbankrott zu erklären.

Zumindest theoretisch, denn natürlich wird man sich einigen. Das zeigt die ganze Zahnlosigkeit eines solchen Schuldenlimits. Dennoch bleibt das Problem, und hier hängen Nachricht 1 und Nachricht 2 zusammen: Überall fehlt es an frischem Geld, seit die Notenbanken zumindest mit einem Fuß auf der Inflationsbremse stehen. Aber noch immer wird zu viel ausgegeben und die absurd hohen Schulden drücken. In einem Staat mit überbordenden Schulden erlahmt das Wirtschaftswachstum und die Investoren suchen das Weite.


 


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Nachricht 3:


 


Rendite könnten sie, die Investoren, in Europa finden. Der obige Chart beweist es. Er zeigt den iShares-ETF auf den recht unbekannten, aber wichtigen Index STOXX Europe 600 Construction & Materials. In ihm sind 600 führende europäische Unternehmen aus den Bau-, Material- und Konstruktionsbranchen gebündelt. Die Kursnotierungen legen nahe, dass eine Wende im Gange ist, von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt. Über die Gründe einer solchen Wende mag man rätseln, über die Kursgewinne kann man sich dennoch freuen – falls man zuvor nicht zu lange gerätselt hat.


 


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Die Leistung des Anlegers


 


Laut den zuletzt veröffentlichten Berichten lag die Betriebsgewinnmarge von Novo-Nordisk bei 45%. Die Verschuldung des dänischen Pharmakonzerns ist niedrig. Sein neues Wundermittel gegen Fettleibigkeit dürfte reißenden Absatz finden. Die Frage ist nur, ob die Herstellungskapazitäten ausreichen werden. Das ist ein Problem, das andere Hersteller gerne hätten. Dennoch erwarten Analysten, dass Novo-Nordisk seine extrem hohe Kapitalrendite im nächsten Geschäftsjahr nicht wird halten können. Entsprechend erscheint ihnen der Kurs als ausgereizt. Der langjährige Schnitt des Kurs-/Gewinn-Verhältnisses (KGV) liegt bei 24. Für 2023 wird ein KGV von 31 erwartet. Tendenziell gelten Aktien mit hohen KGVs als „teuer“, auch wenn die Höhe des KGVs im Einzelfall gut begründet sein kann.

Insofern muss man sich fragen, ob der bloße Zahlenwert einen echten Mehrwert bei der Beurteilung der Kursaussichten einer Aktie beisteuert. Wohl kaum, denn die Kennzahl selbst, deren historisches Niveau und deren Veränderungen im Zeitablauf sind den Profis bestens bekannt und sollten daher im Kurs längst verarbeitet sein. Was dem interessierten Anleger als Kriterium zur Beurteilung des Unternehmens bleibt, ist der langjährige Kurstrend und der zeigt bei Novo-Nordisk nach oben.

Auch bleibt die Erkenntnis – oder sie dämmert –, dass die größte Leistung beim Investieren womöglich darin besteht, eine eigene Entscheidung anhand aktueller Marktdaten zu fällen, und diese Entscheidung zu korrigieren, sobald der Markt gegenteilige Zeichen aussendet. Es ginge unter diesem Blickwinkel entsprechend weniger darum, aus Kennzahlen die Zukunft zu lesen, als darum, Positionen gut zu managen.


 


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Comeback der Schwellenländer


 


China kommt aus der Pandemie – und die Schwellenländer profitieren. Es ist also höchste Zeit, die eigene Watchlist aufzufrischen. Dafür gibt es einige überraschende Kandidaten, was wiederum gar nicht so überraschend ist. Denn es wäre äußerst ungewöhnlich, wenn die Kursgewinner von morgen schon heute in aller Munde wären. Zu Publikumslieblingen werden diese nämlich in aller Regel erst, nachdem sie bereits kräftig gestiegen sind.

Die Fakten: Der MSCI China hat seit Oktober letzten Jahres rund 40% gewonnen und hat dabei auch etliche Schwellenländer-Indizes mit nach oben gezogen. Selbst die zuletzt gut gelaufenen europäischen und amerikanischen Märkte konnten da nicht mithalten.

Nun muss Chinas Börse die schnellen Kursgewinne verdauen. Analyst Michael Howell von CrossBorder Capital lenkt die Aufmerksamkeit daher auf Schwellenländer wie Taiwan, Singapur, Brasilien und Südkorea, die vom Boom in Fernost ebenfalls profitieren. Vielen Anlegern sei zwar klar, dass sich dort jetzt Chancen ergeben, aber die Erkenntnis sei noch nicht in Taten umgesetzt worden. Das sind gute Nachrichten, denn es bedeutet, dass potenzielle Käufer vor einem Einstieg stehen könnten – eine wichtige Voraussetzung für mögliche künftige Kursgewinne.

Bei Investitionen in Fernost und in Schwellenländern bleibt für hiesige Anleger allerdings das Problem der kulturellen und sprachlichen Hürden. Empfehlenswert kann daher der Kauf eines Fonds sein, der das Thema abdeckt, oder eines entsprechenden ETFs. So lassen sich Risiken verteilen. Wer selbst die überraschenden Kandidaten finden möchte, dem sei der noch aktuelle Smart Investor 2/2023 empfohlen. Für die Titelstory „Schwellenländer – über China, Brasilien, Indonesien & Co.“ geben tief mit der Materie befasste Experten, die teilweise vor Ort sitzen, Rat aus erster Hand. Der neue Smart Investor 3/2023 erscheint übrigens zum Wochenende und wird sich intensiv mit Dividendenstrategien sowie attraktiven Dividendentiteln auseinandersetzen. Auch da sollte einiges für die Watchlist dabei sein.


 


Post-Chef geht, Probleme bleiben


 


Die Deutsche Post hatte an der Börse in Pandemie-Zeiten einen Lauf. Dann folgten 2022 ein heftiger Kursverfall und eine zögerliche Erholung. Spät eingestiegene Anleger, die zudem tapfer in der Aktie investiert geblieben sind, sitzen womöglich weiter auf herben Verlusten. Recht uninteressant stellt sich das Unternehmen auch für manchen Langfristanleger dar: Der Post-Kurs erreichte gerade wieder das Niveau, welches erstmals schon zum Jahresbeginn 2018 notiert wurde. Umso spannender sind die Äußerungen von Post-CEO Frank Appel. Seit 15 Jahren steht der Mann an der Spitze von Post und DHL, im Mai wird er sich voraussichtlich aus dieser Position verabschieden. Je näher der Termin rückt, desto ungefilterter scheint der Topmanager zu sprechen. So sagte er jüngst FOCUS-Redakteuren:

- zur Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung Deutschlands:
„Ich denke, diese Gefahr ist noch nicht gebannt.”

- zur Energiepolitik der Regierung:
„Die hohen Energiekosten sind ein echter Wettbewerbsnachteil für Deutschland.”

- zu Lehrermangel und maroden Schulen:
„Bildung ist das einzig wahre Asset, das wir haben. Schauen Sie sich meinen eigenen Lebenslauf an: Ich bin ein Mittelstandskind, das eine tolle Ausbildung bekommen hat. Nur deshalb kann ich heute diesen Job machen.”

Man kann nur hoffen, dass Appels Appell in Berlin auch gehört wurde. Mehr als Schulterzucken dürfte er in Regierungskreisen und Parteizentralen aber nicht auslösen, sind dortige Karrieren doch der schlagende Gegenbeweis: Für eine Spitzenposition in der deutschen Politik mag manches eine Rolle spielen, aber Bildung gehört definitiv nicht dazu. 


 


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Zu den Märkten


 


Wacker hält er sich, der DAX. Obwohl wir in der Berichtsperiode leichte Abschläge zu verzeichnen haben, sind diese vor dem Hintergrund des scharfen Kursrückgangs bei US-Werten ein echter Achtungserfolg. Damit hat sich die relative Stärke deutscher Blue Chips ebenso bestätigt wie die verhaltene Reaktion auf die Umkehrformation in der Vorwoche. Selbstverständlich ist eine solche, nun schon über viele Wochen zu beobachtende Entwicklung jedoch nicht. Nicht nur, dass der Ukrainekrieg praktisch vor der Haustür der EU tobt, während die USA buchstäblich weit vom Schuss sind. Auch war es über Jahrzehnte unter Börsianern eine ausgemachte Sache, dass der DAX kein Eigenleben gegen die Sogwirkung der großen US-Indizes entwickeln könne. Besonders, wenn Druck auf den Märkten lastete, fiel der DAX häufig sogar noch stärker. Geld wurde in Krisenzeiten tendenziell Richtung US-Dollarraum gelenkt, wo es in der Wahrnehmung der internationalen Anlegergemeinde einfach sicherer war.


Fazit


 


Wer die Berichterstattung zur Großwetterlage verfolgt, für den stellt sich Europa aktuell als Krisenregion dar. Doch laufen die Aktien hierzulande schon seit einiger Zeit besser als vergleichbare US-Titel. Die derzeit besten Chancen dürften aber in Asien und an den Emerging Markets liegen.

Frank Sauerland, Ralph Malisch


 








 
 

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