Kolumnist: Ralf Flierl

Über Sauen, Dörfer …




06.07.23 08:53
Ralf Flierl

… und Anleger


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Titelbild: © top images – stock.adobe.com


 


Mit vollen Händen


 


Deutschland befindet sich nicht nur in der Rezession, die deutsche Politik wirft auch weiter das Geld mit vollen Händen heraus. Keine Auslandsreise eines deutschen Ministers, auf der nicht das Scheckbuch der Steuerzahler gezückt wird. Dabei lebt Deutschland selbst in immer mehr Bereichen von den Lorbeeren vergangener Tage bzw. von der Substanz. Schon die normale Infrastruktur ist löchrig, von der digitalen erst gar nicht zu reden. Länder, auf die das „reiche Land“ noch immer grundlos herablächelt, haben Deutschland in mancherlei Hinsicht längst überholt. Das Leben von der Substanz ist zudem kein Erfolgsmodell, denn irgendwann ist sie aufgebraucht. Diese Erkenntnis beschleicht auch die Politik, die nun immer unverhohlener die Vermögen der Bürger ins Visier nimmt – breite Schultern und so. Am Ende bleibt dann eigentlich nur noch die Frage, wer das Licht ausmacht – sofern noch Strom fließt. Dem Wählerwillen entspricht diese Politik jedenfalls immer weniger. Die Umfragewerte der Ampel-Koalition bleiben im Keller. Entsprechend bringen es die drei Regierungsparteien – SPD (19,0%), GRÜNE (14,5%) und FDP (6,5%) – laut INSA-Sonntagsfrage vom 3. Juli zusammen gerade einmal noch auf 40% Zustimmung.


 


Mutter aller Zinswenden


 


In der jüngsten Finanzwoche weist Herausgeber Dr. Jens Ehrhardt auf die brisante Gemengelage für deutsche Aktien hin. Denn zur fragilen Situation im Inland ist auch von der US-Konjunktur keine Unterstützung zu erwarten. Im Gegenteil: Die Befürchtungen, „die Fed würde zu einer verschärften Bremspolitik zurückkehren“, sind zuletzt erneut gestiegen. Von besonderem Interesse wird daher das heute nach Börsenschluss veröffentlichte Sitzungsprotokoll der Fed sein. Schon jetzt sind zwei weitere Zinserhöhungen (Juli, September) weitestgehend eingepreist. Auch deuten wichtige US-Frühindikatoren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine US-Rezession, so Ehrhardt.  Es würde auch an ein Wunder grenzen, falls die schärfste Zinswende, welche die amerikanische Notenbank je vollzogen hat, in dieser Hinsicht ohne Wirkungen bliebe. Verglichen mit früheren Konjunkturzyklen seien die Notenbanken nicht nur besonders spät auf die Bremse gestiegen, sondern stünden dort auch ungewöhnlich lange. Was das für unseren DAX bedeuten könnte, lesen Sie in der Rubrik „Zu den Märkten“ (s.u.).


 


Frisch aufgelodert


 


Auch scheint die Freude über den Rückgang der Inflation verfrüht gewesen zu sein. Zuletzt stieg die Rate für Deutschland von +6,1% auf den vorläufigen Wert von +6,4% im Juni wieder an. Im aktuellen Smart Investor 7/2023 gingen wir schon vorher der Frage nach, ob die Inflation dauerhaft auf dem Rückzug ist, oder sich lediglich in einem Zwischentief befindet. Bereits da fiel unsere Einschätzung leider negativ aus und scheint nun durch die neuen Zahlen bestätigt zu werden. Auch ein Schuldiger konnte bereits ausgemacht werden. „Climate Change affects Inflation“ ließ uns Madame Lagarde im grünen Jäckchen wissen – und das sei ganz unabhängig vom grünen Jäckchen, wie sie scherzte. Nun hatten wir allerdings gelernt, dass Klima ein globales Phänomen sei, und reiben uns verwundert die Augen: Denn schon vor dem Nachbarland Schweiz scheint dieser Klimawandel mit einer Inflationsrate von zuletzt +1,7% direkt kehrt gemacht zu haben. Vielleicht sollte die Überforderte über ihre neue Klimatheorie der Inflation noch einmal in Ruhe nachdenken?


 


Titelrotation oder Folge von Hypes?


 


Ein bekanntes Phänomen in reiferen Bullenmärkten ist die Titelrotation. Dabei werden Aktien, die besonders weit gelaufen sind, von jenen abgelöst, die bislang zurückgeblieben waren. In einem gesunden Markt können die ehemaligen Favoriten dann wieder frische Kräfte sammeln und werden nach ihrer Verschnaufpause häufig wiederentdeckt, um das Feld erneut anzuführen. Soweit die Theorie. Auch aktuell sehen wir Favoritenwechsel, die allerdings von einer gesunden Rotation ein gutes Stück entfernt zu sein scheinen. Stattdessen werden in immer kürzeren Abständen immer neue „Sauen“ durch das Anlegerdorf getrieben. Ein Indiz dafür, dass es sich nicht um eine normale Rotation handelt, besteht auch darin, dass zuletzt immer öfter Aktien gehypt werden, deren Bewertungen bereits jenseits von Gut und Böse liegen. Eines der Themen, an denen sich die Fantasie entzündete, war die Künstliche Intelligenz. Jedes Unternehmen, das auch nur entfernt im Verdacht steht, irgendetwas damit zu tun zu haben, kann zum „Opfer“ einer regelrechten Kaufwelle werden. Das Ganze erinnert an die Dotcom-Blase zum Jahrtausendwechsel. Auch damals hielten immer weniger, jedoch marktschwere Titel die Indizes auf Rekordhöhe, bis der unausweichliche Katzenjammer folgte.


 


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Brot-und-Butter-Geschäft vs. Phantasie


 


Geradezu ein Musterbeispiel scheint der Grafikchip-Hersteller Nvidia (WKN: 918422) zu sein. Die Aktie ist inzwischen mit dem fast 23fachen Buchwert und dem rund 58fachen Gewinn bewertet. Dennoch hagelt es weiter Kaufempfehlungen der Großen, zuletzt etwa von UBS und Goldman Sachs. Keine Frage, das Unternehmen hat oft genug seine enorme Innovationsfähigkeit und sein Händchen für künftige Trends unter Beweis gestellt. Dennoch scheint der Markt hier den Bogen inzwischen zu überspannen. Bei diesen Bewertungen wird nicht nur eingepreist, dass alles glatt läuft, sondern, dass die Dinge besser eintreten als prognostiziert. Schon eine bloße Erfüllung der Prognosen wäre enttäuschend, von einem möglichen Ausrutscher gar nicht erst zu reden. Ein anderes Phänomen des Hypes ist, dass manche Unternehmen inzwischen als KI-Unternehmen wahrgenommen werden, auch wenn das (noch?) nicht deren Hauptgeschäftsfeld ist. Natürlich steckt in Tesla (WKN: A1CX3T) auch viel KI und das Unternehmen ist bei KI-Lösungen für den Individualverkehr sicher innovativ, wenn nicht führend. Auf der anderen Seite ist der E-Autobauer aber im Kern ein integrierter Hersteller von Lösungen für den elektrifizierten Individualverkehr. Hier verdient der Konzern heute vor allem sein Geld. Und vor diesem Hintergrund erscheint ein Kurs/Buchwert-Verhältnis von knapp 39 und ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von gut 29 mindestens so sportlich wie die Fahrzeuge selbst. Auch ist Tesla längst nicht mehr das einzig innovative Unternehmen in diesem Bereich. Auch andere bauen ansprechende Fahrzeuge, zum Teil sogar in besserer Qualität. Solange die Zinsen zudem hoch bleiben und das wirtschaftliche Umfeld stottert, sind Verbraucher mit der Anschaffung großer Konsumgüter, zu denen klassischerweise auch Autos gehören, traditionell eher zurückhaltend.


 


Von der Übertreibung in die Panik


 


Das Gesagte muss nicht bedeuten, dass diese Aktien nun unmittelbar den Rückwärtsgang einlegen werden. Häufig sind die größten Kursgewinne gerade in solchen Übertreibungsphasen zu erzielen, deren Irrationalität ihr wesentliches Merkmal ist. Insofern kann man mit rationalen Argumenten auch kaum gegen eine solche Übertreibung argumentieren. Was die historische Erfahrung aber auch lehrt, ist, dass diese Übertreibungen noch jedes Mal ein mehr oder weniger unerfreuliches Ende gefunden haben – meist allerdings sehr viel später, als es sich die Pessimisten vorgestellt haben. Insofern kann man an dieser Stelle nur den Rat geben, besonders genau auf mögliche Hinweise für ein Ende des Hypes zu achten und dann sehr schnell zu reagieren. Spoiler: Sie werden nicht die einzigen sein, die das versuchen, weshalb es auf dem Weg nach unten eng werden könnte.


 


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Aufstieg und Fall von Börsenlieblingen


 


Man muss nicht lange in der Geschichte zurückgehen, um etwas über Aufstieg und Fall einstiger Börsenlieblinge zu lernen. In den Jahren 2020/21 waren die Hersteller der mRNA-Therapien die Superstars an den Märkten. Wäre es nach dem Willen der Politik und einiger treibender Kräfte im Hintergrund gegangen, wäre mehr oder weniger jeder Erdenbürger zum Kunden der fragwürdigen Spritzen geworden – und das am besten gleich mehrmals im Jahr. Das Gewinnpotenzial schien nahezu unbegrenzt und tatsächlich verdienten sich BioNTech (WKN: A2PSR2) und Moderna (WKN: A2N9D9) in den Anfangstagen der Kampagne nahezu dumm und dämlich. Heute, keine zwei Jahre später herrscht Katerstimmung. Die ungenutzten Impfdosen verrotten bei den Käufern und die Berichte über Impfschäden häufen sich. Die Kurse der betreffenden Aktien liegen am Boden. Ob ein Revival durch eine neue Pandemie gelingen wird, ist fraglich – wünschenswert ist eine Wiederholung der Hysterie jener Tage aber auf gar keinen Fall.


 


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Technik, Psychologie und BlackRock


 


Ebenfalls ein Hype, der rational schwer erklärbar ist, besteht im aktuellen Kursaufschwung des Bitcoins. Wir bleiben hier bei unserer Auffassung, dass der Ur-Krypto – wie auch seine Abkömmlinge und Verwandten – fundamental nicht ernsthaft zu bewerten ist. Egal, ob 500 USD, 5.000 USD oder 50.000 USD, jeder Kurs ist der richtige – oder eben der falsche. Wesentliche Bestimmungsgründe bleiben die technische und psychologische Verfassung dieses Marktes. Das führt einerseits zu ausgeprägten Trends, aber auch immer wieder zu gesteigerter Nervosität. Im Moment sehen wir als Hauptbestimmungsfaktoren die schlechte Verfassung der Papiergeldsysteme und das Damoklesschwert negativer Regulierungsbemühungen bzw. staatlicher Konkurrenzprodukte, sogenannter CBDCs (Central Bank Digital Currencies). Dabei hängen die Themen eng zusammen. Je mehr sich die Marktteilnehmer um die Werthaltigkeit und sogar den Bestand von US-Dollar, Euro & Co. sorgen, desto eher werden sie alternative Wertspeicher wie Gold oder den Bitcoin nutzen. Der gestiegene bzw. hohe Zins spricht zwar gegen diese zinslosen Alternativen, wenn der Markt jedoch erst einmal den Eindruck gewonnen hat, dass die Notenbanken planlos agieren oder das Heft des Handelns verlieren, wird dieser Zins zur Nebensache. Was die Bitcoin-Anhänger ebenfalls erfreut, sind große Finanzinstitutionen, die ins Boot kommen wollen. So machte BlackRocks Antrag auf einen Bitcoin-Spot-ETF durchaus Eindruck. Auf der anderen Seite stehen die regulatorischen Querschüsse, mit denen die Anlage im Bitcoin offensichtlich unattraktiv gemacht bzw. ganz verunmöglicht werden soll. Das wiederum ist nur konsequent, steht dieses „Privatgeld“ doch in offener Konkurrenz zu den staatlich betriebenen Fiatgeld-Systemen. Ob es technisch gelingen kann, den Bitcoin einzufangen, steht aber auf einem ganz anderen Blatt.
Zuletzt überwog jedenfalls der Optimismus, was den Bitcoin in rund einer Woche um ca. 5.000 USD nach oben katapultierte. Aktuell befindet er sich in einem gut etablierten Schiebebereich knapp über 30.000 USD. Im Windschatten des Bitcoin-Aufschwungs profitierten auch die entsprechenden Aktien des Bitcoin-Universums. Exemplarisch seien hier Coinbase Global (WKN: A2QP7J) und RIOT Blockchain (WKN: A2H51D) genannt. Im Gegensatz zum Bitcoin selbst, legt man hier zumindest an etablierten Börsen an, und kann sich zumindest aus dieser Sicht einige potenzielle Gefahren vom Leib halten. Hochspekulativ ist die Treibjagd auf die „Krypto-Sauen“ aber allemal.


 


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Zu den Märkten


 


Beim DAX hat sich das Bild in der abgelaufenen Berichtswoche wieder eingetrübt. Zwar ist das herausgebildete Doppeltop noch nicht vollendet worden, aber auch der Anlauf zu dessen Überwindung wurde vorzeitig abgeblasen. Danach ging es erneut nach unten. Man könnte hier also auch eine sich herausbildende Schulter-Kopf-Schulter-Formation erkennen – mit ähnlich negativen Implikationen. Unterstrichen wird die zurückhaltende Sichtweise durch den Bruch der Aufwärtstrendlinie, die immerhin seit Oktober 2022 gültig war. In Bezug auf diese Linie erwies sich die letzte Aufwärtsbewegung zudem als Pull-Back, das mit einem geradezu lehrbuchmäßigen Abpraller endete. Dass der harte Widerstand aus November 2021 bzw. Januar 2022 auch in insgesamt drei Anläufen nicht bzw. nicht nachhaltig überwunden werden konnte, rundet das negative Bild ab. Für ein echtes Verkaufssignal fehlt jedoch noch der Durchbruch unter das Zwischentief des möglichen Doppeltops bzw. unter die Nackenlinie der Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Sollten diese Durchbrüche erfolgen, könnte sich das Kursgeschehen nach unten dynamisieren.


 


Fazit


 


Der DAX ist angeschlagen und die Notenbanken scheinen zu Spätzyklikern geworden zu sein, die noch immer verzweifelt der Inflation nachlaufen, während sich hinter ihnen bereits eine Rezession aufbaut.


Ralf Flierl, Ralph Malisch


 








 
 
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Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
18,585 $ 18,225 $ 0,36 $ +1,98% 24.04./22:39
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
US7672921050 A2H51D 23,94 $ 6,96 $
Werte im Artikel
208,20 plus
+4,32%
18,59 plus
+1,98%
199,76 plus
+0,91%
376,20 plus
+0,69%
105,40 minus
-0,13%
50,72 minus
-4,04%
Handelsplatz Letzter Veränderung  Zeit
 
Tradegate (RT)
15,92 € +2,08%  24.04.26
Frankfurt 15,868 € +3,05%  24.04.26
Stuttgart 15,848 € +2,55%  24.04.26
Nasdaq 18,585 $ +1,98%  24.04.26
NYSE 18,585 $ +1,95%  24.04.26
München 15,502 € +0,79%  24.04.26
AMEX 18,72 $ +0,21%  24.04.26
Düsseldorf 15,30 € +0,01%  24.04.26
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