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Kolumnist: Ralf Flierl

Tod eines Börsenmeisters




08.06.23 09:30
Ralf Flierl

Börsenlegende William O’Neil verstarb am 28. Mai 2023


 


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Titelbild: © Mdisk – stock.adobe.com


 


Erfinder der CANSLIM-Methode


Als Börsianer kann man das Lebenswerk von William O'Neil gar nicht hoch genug einschätzen. Während sich im Umfeld der Aktienmärkte zahlreiche Scharlatane und selbsternannte Gurus tummeln, die aus der hohlen Hand mit Prognosen um sich werfen, war der Erfinder der CANSLIM-Methode bis ins hohe Alter ein akribischer und unermüdlicher Arbeiter. Die Methode hat auch im Smart Investor seit vielen Jahren einen festen Platz. Zuletzt stellten wir drei CANSLIM-Aktien in der Mai-Ausgabe 2023 vor. Wofür das Akronym steht, ist dort ebenfalls im Kasten auf Seite 62 noch einmal kurz erläutert, würde aber den Rahmen dieses Newsletters sprengen. Die grundlegende Philosophie findet sich in O’Neils Bestseller „How to Make Money in Stocks: A Winning System In Good Times And Bad“ (deutsch: „Wie man mit Aktien Geld verdient“) aus dem Jahr 1988. Es geht im Wesentlichen um stark wachsende Unternehmen, mit denen der Markt geschlagen werden soll. Die Bewertung spielt bei diesem Ansatz – im Gegensatz zu Value-Strategien – keine Rolle. Entsprechend lautet eines der bekannten O’Neil-Zitate: „It is one of the great paradoxes of the stock market that what seems too high usually goes higher and what seems too low usually goes lower.“ (deutsch: „Es ist eines der großen Paradoxa des Aktienmarktes, dass das, was zu hoch erscheint, in der Regel steigt und das, was zu niedrig erscheint, in der Regel sinkt.“). Insofern traf unsere Überschrift zu den CANSLIM-Aktien im Mai den Kern von O’Neils Ansatz – „Überflüssig, überteuert, heiß begehrt“.


 


Hybrider Ansatz


 


Was O’Neil zudem auszeichnete, waren seine Neugier für die wesentlichen Erfolgsfaktoren und eine exzellente Beobachtungsgabe. Schon früh in seiner Karriere orientierte er sich an den besten Anlegern. In der Folge ergründete er, was die Topperformer unter den Aktien auszeichnete. Dabei machte er auch sehr deutlich, was er unter einer guten Aktie verstand – nämlich eine, deren Kurs stieg. Im Gegensatz zu Warren Buffett, der in „Mr. Market“ einen Verrückten sieht, der gelegentlich Aktien zu Schleuderpreisen verkauft, schätzte O’Neil die Botschaften des Marktes sehr: „Lassen Sie sich vom Markt sagen, ob Sie Recht haben.“ Ganz so groß ist der Widerspruch zwischen beiden allerdings nicht, da Buffett sich vor allem auf irrationale Markteinbrüche bezieht, während O’Neil in den Relativbewegungen einzelner Titel zum Index wichtige Informationen fand. Auch schätzte er fundamentale Kriterien keineswegs gering, wie das CANSLIM-System zeigt. Allerdings waren diese nicht Selbstzweck, sondern mussten performancerelevant sein, nicht aufgrund einer Theorie, sondern aufgrund der empirisch gefundenen Korrelationen, hinter denen sich Kausalitäten vermuten ließen. O’Neil darf als früher quantitativer Analyst gelten, der große Mengen an Daten systematisch verarbeitet hat und auf Basis der so gefundenen Zusammenhänge Filter für aussichtsreiche Aktien konstruierte.


 


Praktiker durch und durch


 


Aber O’Neil war weit mehr als ein Analyst. Vor allem war er ein sehr erfolgreicher Praktiker, der sich weniger mit Theorien als mit praxisrelevanten Fragen beschäftigte. Seine ersten nennenswerten Erfolge erlebte er 1962 mit den Aktien von Chrysler und Korvette Discount Department Stores, sowie 1963 mit den Aktien von Syntex Laboratories. Hier machte er in einem guten Jahr aus rund 5.000 USD mehr als 200.000 USD. Mit diesem Geld startete er sein eigenes Unternehmen William O’Neil & Co., das computergestützte Analysen an institutionelle Investoren verkaufte. Im Jahr 1964 war er mit 30 Jahren der jüngste Käufer eines Sitzes an der New Yorker Börse NYSE. In den 1970er gründete er schließlich Investor’s Daily, das heute unter Investor’s Business Daily firmiert und sich an ambitionierte Privatanleger wendet.


 


Begeisterung, Fleiß und Disziplin


 


Wie relevant die Erkenntnisse O’Neils sind, zeigt sich nicht nur an seinen eigenen Anlageerfolgen, sondern auch an denjenigen, die ihm nacheiferten. Etliche bekannte Namen der US-Investmentszene berufen sich entweder auf ihn, sind ehemalige Angestellte eines seiner Unternehmen oder haben auf seinen Methoden aufgebaut und diese weiterentwickelt. Exemplarisch genannt seien der dreimalige Gewinner der U.S. Investing Championship David Ryan oder die Trader und Autoren Chris Kacher und Gil Morales mit ihrem Titel „Trade Like an O'Neil Disciple: How We Made Over 18,000% in the Stock Market“. Auch lange nach seinem Tod wird William O’Neil denjenigen Anlegern Inspiration sein, die bereit sind, ihre Börsenbegeisterung mit Fleiß und Disziplin auf Basis eines bewährten Handelssystems in die Praxis umzusetzen. Das Thema Handelssysteme wird übrigens in der kommenden Juli-Ausgabe des Smart Investor eine tragende Rolle spielen.


 


„Get woke, go broke“


 


Während es dem aus kleinen Verhältnissen stammenden O’Neil ein Anliegen war, auch anderen Menschen einen Weg zu Wohlstand zu weisen, ist das längst nicht überall der Fall. Auch in der Wirtschaft gibt es regelrechte Wohlstandsvernichter, was nicht nur die Aktionäre betrifft, sondern auch Arbeitsplätze und in besonders schweren Fällen sogar unternehmensgefährdend sein kann. Zuletzt nimmt es fast schon epidemische Ausmaße an, wie sich Manager und Werbeagenturen als eine Art Umerzieher ohne Auftrag betätigen. Plötzlich scheint nicht mehr die Gewinnerzielungsabsicht im Vordergrund zu stehen, sondern etwas so nebulöses wie „gesellschaftliches Engagement“. Besonders dort wo, einer politischen Strömung aus den USA folgend sogenannte „woke“ Themen vor guten Produkten oder Dienstleistungen zu stehen scheinen, wird das von den Aktionären bzw. Eigentümern anvertraute Unternehmen missbräuchlich eingesetzt. Bei Anzeichen von „Wokeness“, also einer Priorisierung zeitgeistlicher Strömungen durch das Management, ist für Aktionäre daher höchste Vorsicht angesagt. Im Zweifel sollte man sich von seinen Anteilen trennen, denn nicht von ungefähr stammt aus den USA als dem Mutterland der modernen „Wokeness“-Bewegung die Frotzelei „Get woke, go broke.“ („Wer wach wird, geht pleite.“).


 


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Wie sich Bier in Luft auflöst


 


Zuletzt gab es wieder einige spektakuläre Beispiele, die den Zusammenhang zwischen einem allzu wachen „gesellschaftsklempnerischem“ Bewusstsein einer Unternehmensführung und mangelnden wirtschaftlichen Erfolgen schlaglichtartig beleuchten. Durch die Presse ging der Fall von Bud Light, eine Marke des Anheuser-Busch-Inbev-Konzerns. Stein des Anstoßes war eine Werbung mit der Transgender-Influencerin Dylan Mulvaney, die – verkleidet als Audrey Hepburn in dem Film „Frühstück bei Tiffany“ – für Dosenbier Reklame machte. Zwar handelt es sich um die Light-Version, aber es gibt wohl kaum ein Getränk, das klischeehaft männlicher wahrgenommen wird als Dosenbier. Wer sich mit möglichst vielen Dosen des Biers in Szene setzte, konnte 15.000 USD gewinnen. Die Aktie des Konzerns verlor allerdings erst einmal: In der Spitze ging die Marktkapitalisierung um satte 26 Mrd. USD nach unten. Vizepräsidentin Alissa Heinerscheid, verantwortlich für die Kampagne, wurde erst einmal beurlaubt. Die Verkäufe von Bud Light, zuvor der „US king of beer“ brachen um satte 25,7% ein. Inzwischen dürfte die Aktie für Antizykliker schon wieder interessant werden.


 


„… du musst nicht bei uns bestellen.“


 


Nun kann man über die Frage streiten, ob es nur an „get woke, go broke“ gelegen hat. Eigentlich steckt etwas anderes dahinter, die Missachtung der Kundenwünsche, der aus Sicht mancher Verantwortungsträger hinter deren politisches Engagement (und deren Ambitionen?) zurückzutreten habe. Wer die Stammkundschaft derart verprellt, muss sich über Reaktionen nicht wundern. Das sollte eigentlich Marketing-Wissen der ersten Semester sein. Erstaunlich, dass man es ohne dieses Wissen in einem Weltkonzern bis in den Rang eines Vizepräsidenten schafft, für die Aktionäre allerdings ist es hochgradig erschreckend. Auch das leidige Thema „Gendern“ wird von immer mehr Unternehmen umgesetzt, obwohl diese Verhunzung der Sprache von der Mehrheit der Menschen stabil abgelehnt wird. Wenn die „Kunden“ trotzdem bezahlen (müssen), wie beim sogenannten Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, der inzwischen eher einer virtuellen Umerziehungseinrichtung für Erwachsene gleicht, kann man sich natürlich über die Kundenwünsche hinwegsetzen. In der Privatwirtschaft ist das schon schwieriger: So beschied der Hamburger Versandriese Otto einem Kunden am 29.10.2021 auf Twitter: „Stimmt, so einfach ist das: Wir gendern. Und du musst nicht bei uns bestellen.





 
 

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