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Kolumnist: Ralf Flierl

„Technische“ Rezession …




01.06.23 12:36
Ralf Flierl

… statt grünem Wirtschaftswunder
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Titelbild: © – stock.adobe.com


Defekte Glaskugel

Olaf Scholz ist einer, über dessen Erinnerungslücken im sogenannten Cum-Ex-Skandal oft gespottet wird. Motto: Mittendrin, aber auf keinen Fall dabei. Aber auch mit dem Blick in die Zukunft hat der Bundeskanzler nur bedingt Glück. So ist es keine drei Monate her, dass er den Deutschen ein neues Wirtschaftswunder in Aussicht stellte. Auch wusste er genau, auf welch wundersame Weise dieses Wunder um die Ecke biegen werde: "Wegen der hohen Investitionen in den Klimaschutz wird Deutschland für einige Zeit Wachstumsraten erzielen können, wie zuletzt in den 1950er und 1960er Jahren geschehen“, zitierten ihn die Zeitungen der "Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft". Was nicht einmal drei Monate später tatsächlich um die Ecke bog, war eine Rezession. Sofort beeilte sich die wohlgesonnene Presse diese als kleine Delle oder „technische“ Rezession weg zu verniedlichen, der dann das grüne Wirtschaftswunder schon folgen werde. Nach seinen durchwachsenen Erfahrungen mit Vergangenheit und Zukunft bleibt für Scholz also nur noch jene Zeit, in der er sich immer seltener zeigt – die Gegenwart.


Wirtschaftskompetenz, nein danke!
Wie wenig der SPD-Mann von Wirtschaft versteht, mag man schon daran erkennen, dass er ausgerechnet einen Vergleich zu jenen Jahren zieht, als Ludwig Erhard noch als Wirtschaftsminister brillierte. Heute dilettiert Robert Habeck in den viel zu großen Schuhen. Erhard, der aufgrund seiner Kompetenz in das Amt kam und dieses auch intellektuell ausfüllen konnte, lehnte schon damals den Begriff des „Wirtschaftswunders“ ab. Denn die Boomjahre der jungen Republik waren die fast unvermeidbare Konsequenz jenes marktwirtschaftlichen Rahmens, den Erhard aufgespannt hatte. Heute werden die Menschen dagegen maximal besteuert und zu allerlei Unsinn genötigt. In diesem Umfeld entwickeln freiheitsliebende Menschen aber weder ihre Ideen noch entfalten sie ihr Potenzial. Viel eher führt das zur Reaktanz gegen die allgegenwärtige Bevormundung durch jene, die aufgrund von Bildung, Ausbildung und Lebenslauf selten etwas Kompetentes beizutragen haben. Welchen hohen Stellenwert Bildung und Ausbildung für ein gelungenes Leben auch und gerade heute noch haben – zumindest außerhalb der Politik –, erläutert übrigens Gentleman-Investor Dr. Markus Elsässer im großen Interview im aktuellen Smart Investor 6/2023.
Gelenktes Minuswachstum
Die staatlich gelenkten „Klimainvestitionen“  haben mit dem organischen Wachstum der Erhard-Jahre nichts, aber auch gar nichts zu tun. Vielmehr erinnern sie an jene gigantischen Aufrüstungsprogramme, durch die zwar tatsächlich sektorale Scheinblüten erzeugt werden können, deren rasches Verblühen aber unausweichlich ist. Je größer der Anteil der Wirtschaftsleistung, in den Politfunktionäre lenkend eingreifen, desto geringer wird der Wohlstand in der betroffenen Volkswirtschaft perspektivisch werden. In der Klimalenkungswirtschaft werden den Menschen diese Wohlstandsverluste schon jetzt unter dem Stichwort „de-growth“ als eines der Ziele klimafreundlicher Politik verkauft. In der Bundesrepublik braucht man „de-growth“ zumindest nicht mehr künstlich herbeizuführen, denn das Land, über Jahrzehnte Wirtschaftsmotor der Eurozone, ist inzwischen deren Wachstumsschlusslicht. Bloomberg ging jüngst in einer drastischen Warnung sogar noch einmal über den schon bedrückenden Ist-Zustand hinaus: Deutschland drohe aufgrund einer verfehlten Wirtschaftspolitik nicht weniger als der Absturz, mit Konsequenzen für ganz Europa.
Überraschendes und weniger Überraschendes
Immerhin bei den jüngsten Inflationsdaten ist ein Rückgang, genauer gesagt eine Abschwächung des Zuwachses zu verzeichnen. Alles andere wäre auch überraschend, denn Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit machte gerade erst auf das dramatische Schrumpfen der bereinigten Geldmenge M1 aufmerksam. Diese deutet nicht nur auf weiter sinkende Inflationsraten, sondern ist ein Vorlaufindikator für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts. Der Rückgang ist der schärfste seit Jahrzehnten und deutet sogar auf eine schwere Rezession hin. Bundesfinanzminister Lindner zeigte sich schon von der „technischen“ Rezession überrascht, man kann sich also vorstellen, wie überrascht er erst sein wird, falls sich diese dann auch noch deutlich vertieft. Das Einzige, was nicht überrascht, ist der Umstand, dass die FDP erneut vor dem grünen Koalitionspartner eingeknickt ist, diesmal ging es um das Zwillingsgesetz zum Heizungsgesetz („Heiz-Hammer“), das sogenannte Heizdatengesetz, mit dem künftig „gebäudescharfe jährliche Endenergieverbräuche der letzten drei Jahre“ ermittelt werden sollen. An ein solches Daten- und Bürokratiemonster werden sich perspektivisch natürlich auch konkrete Maßnahmen anschließen.
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In der Zange
Beide Gesetze dürften erneut die Wohnungswirtschaft belasten, die schon von der abrupten Zinswende hart betroffen war. Trotz hoher Wohnraumnachfrage, vor allem in den Ballungszentren, sind Immobilieninvestitionen längst ein unkalkulierbares Risiko geworden. Niemand kann schließlich wissen, welche neuen Maßnahmen das Eigentum schon bald teilentwerten werden. Die Eigentümer von Dieselfahrzeugen wissen davon ein Lied zu singen. Bei einer Immobilie ist das Thema aber in zweierlei Hinsicht gravierender: Zum einen geht es um völlig andere Summen, zum anderen ist eine Immobilie auf Gedeih und Verderb an den jeweiligen Rechtsraum gebunden. Eine unausgegorene und willkürliche Politik schafft Investitionsunsicherheiten, die nicht nur für den Immobilienmarkt Gift sind. Mit einem breiten Wirtschaftsaufschwung sind solche Rahmenbedingungen schlicht unvereinbar. Wiewohl Immobilien über Jahre als Betongold verklärt wurden (Smart Investor warnte in den letzten Jahren deutlich vor den Risiken), sind die Aktien der großen Immobilienkonzerne inzwischen ein einziges Trauerspiel. Der Erholungsversuch angesichts des Nachlassens der Zinsängste wurde durch die angekündigten neuen Gesetze sofort wieder zunichte gemacht. Immobilien sind stark politisiertes Eigentum, bei dem man trotz der großen Nachfrage nach Wohnraum, mit erheblichem Gegenwind arbeitet. Die Kursentwicklung der beiden Börsenschwergewichte in diesem Bereich – Deutsche Wohnen und Vonovia – gibt einen Eindruck davon, wie sich der deutsche Wohnimmobilienmarkt inzwischen aus Investorensicht „rechnet“.
Zu den Märkten – zwischen Doppeltop und Crack-up-Boom
Die Märkte befinden sich in einem echten Dilemma. Bescheiden ist vor allem die Ist-Situation. Trotz Rezession besteht die Gefahr weiter steigender Zinsen. Die Inflation geht nur langsam zurück und die guten Börsenmonate liegen in saisonaler Betrachtung bereits hinter uns. Dazu kommt das politische Gezerre um allerlei sogenannte Klimaschutzgesetze, das die Anleger in Atem hält. Auf der anderen Seite werden an den Märkten keine Ist-Zustände, sondern Perspektiven bzw. Erwartungen gehandelt. Glaubt man dem jüngsten Bloomberg-Beitrag (s. o.) sind diese Perspektiven sogar noch schlechter als der Ist-Zustand. Dennoch hält sich der DAX weiter in der Nähe seiner Allzeithochs. Entweder irrt der Markt gewaltig, oder er setzt auf eine Verbesserung der Situation, deren Ursachen wir allenfalls erahnen können. Vielleicht kommt es zu überraschenden Friedensverhandlungen mit Russland oder die deutsche Regierung stürzt?! Wir wissen es nicht. Technisch befindet sich der Markt irgendwo zwischen einem möglichen Doppel-Top und einem Bruch des Aufwärtstrends. Deutlich positiver sieht Elliott-Wellen-Analyst Dietrich Denkhaus die Lage und lehnt sich im aktuellen Smart Investor 6/2023 weit aus dem Fenster: 25.000 Punkte bis 2025 lautet seine griffige Erwartung. Diese Zählung wäre sogar noch dann intakt, wenn der DAX vom aktuellen Niveau rund 1.500 Punkte verlöre. Das wäre nämlich nach dem Aufschwung der letzten Monate um mehr als 4.000 Punkte nur eine Korrektur. Obwohl Denkhaus ausdrücklich nicht fundamental argumentiert, würde ein großer Aufschwung noch am ehesten zu einer erneuten Lockerung der Geldpolitik und einem echten sogenannten Crack-up-Boom (deutsch: Katastrophenhausse) passen. Typisch für eine solche Hausse wäre auch das Fehlen von Marktbreite, also die Konzentration auf einige wenige Highflyer. In den USA konnten wir letzte Woche mit dem KI- und Chiphersteller-Hype schon etwas ähnliches beobachten. In einem insgesamt unentschlossenen Markt mit teils sogar leicht rückläufigen Kursen, boomte im Wesentlichen nur der Technologieindex und dort auch nur ausgesuchte Titel wie Nvidia.

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Fazit
Deutschland ist in der „technischen“ Rezession, das grüne Wirtschaftswunder lässt auf sich warten, bezahlen dürfen wir dafür aber schon heute.

Ralf Flierl, Ralph Malisch, Rainer Kromarek





 
 

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