Fitch prescht … hinterher
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Titelbild: ©Elenarts – stock.adobe.com
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Home Bias als Geschäftsmodell?
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Dass die drei Branchengrößen ihren Sitz in den USA haben, wurde schon oft kritisiert, gab es doch zur Vermutung Anlass, US-amerikanische Schuldner, namentlich die US-Regierung, würden von einem gewissen Home Bias bei den Agenturen profitieren können. Denn schon das ganze System der Schuldnerbeurteilung ist windschief, denn es sind die Schuldner selbst, die für ihr Rating bezahlen. Auch die USA selbst sind Untersuchungsobjekt und zugleich Auftraggeber – ein kaum zu übersehender Interessenskonflikt. Dennoch ist der Versuch, eine Europäische Ratingagentur (ERA) aus der Taufe zu heben, bei der die Ratings explizit von der Investorenseite bezahlt werden sollten, vor rund zehn Jahren gescheitert.
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Letzte Woche ist dann das Undenkbare passiert. Fitch, die kleinste der drei Rating-Agenturen hat den USA das Top-Rating „AAA“ entzogen und bewertet die Kreditwürdigkeit des Landes nun mit „AA+“. Das war, wie die Marktreaktionen gezeigt haben, mehr als ein symbolischer Akt. Die Verunsicherung war mit Händen zu greifen und große US-Medien wie CNN schickten sich an, den Schritt kleinzureden. Schließlich sei beim größten Schuldner, den die Welt je gesehen hat, alles auch weiter in ziemlich bester Ordnung. Auch ist es nicht so, dass die US-Agenturen mit diesem Schritt ihren grundsätzlichen Home Bias und das Wohlwollen gegenüber ihrer Kundschaft nun plötzlich aufgegeben hätten. Genau aus diesem Grund wiegt der Schritt von Fitch doppelt schwer, denn man kann sich vorstellen, welche Überwindung die Verantwortlichen dieser „unpatriotische Akt“ gekostet haben mag. Trotz allem schwingen bei den Urteilen aber immer auch Haftungsfragen mit, was ein gewisses Korrektiv gegen allzu wohlwollende Bewertungen schafft. Die erste Abstufung der US-Kreditwürdigkeit ist das Fitch-Urteil übrigens nicht. Bereits vor fast genau zwölf Jahren entzog Branchenprimus Standard & Poor's den USA die Bestnote „AAA“ und wertete auf „AA+“ ab. Die Obama-Regierung beklagte sich seinerzeit zwar über „Berechnungsfehler“, die Agentur sah aber keine Veranlassung das Rating in der Zwischenzeit je wieder auf die Topnote anzuheben. Fast scheint es so, als sei man froh, den Märkten wenigstens seinerzeit – und gegen erhebliche Widerstände – dieses kleine Zeichen gesendet zu haben. Aktuell erhalten die USA lediglich noch von Moody’s die Bestnote, die dort „Aaa“ heißt – Anpassung nicht ausgeschlossen.
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Da ein Unglück selten allein kommt, stufte Moody’s nun das Rating mehrerer US-Banken herunter. Betroffen waren zunächst nur zehn kleinere bis mittelgroße Institute. Allerdings wurden auch sechs große Institute auf „Watch“ für eine mögliche Herabstufung gesetzt, darunter die Bank of New York Mellon, U.S. Bankcorp und State Street. Damit könnte uns schon bald ein neues Aufflackern der Bankenkrise beschäftigen. Das eigentliche Börsenwunder der letzten Monate besteht ja darin, dass die durch kontinuierliche Zinserhöhungen unter Abwertungsdruck geratenen Aktivseiten der Banken kein Thema mehr waren. Verschwunden sind die Probleme dadurch aber nicht. In den USA tun sich mit der schwächelnden Nachfrage nach Büroflächen und Risiken bei gewerblichen Immobilienkrediten nun sogar weitere Problemfelder auf.
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Aber auch diesseits des Atlantiks steht es mit dem Bankgewerbe nicht zum Besten. Zwar konnten sich viele Institute im Rahmen der Zinserhöhungen Windfall-Profits durch eine verzögerte Anpassung der Einlagenzinsen bei gleichzeitig rascher Erhöhung der Kreditzinsen sichern, was aber nicht über die Probleme in den Kredit- und Anleiheportfolios aufgrund des Zinsanstiegs hinwegtäuschen sollte. Dennoch hat die rechtspopulistische italienische Regierungschefin Meloni nun einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die ausgewiesenen Übergewinne der Banken abschöpfen soll. Von einer 40%igen Sondersteuer war die Rede und die Titel italienischer, aber auch deutscher Banken legten daraufhin am Dienstag den Rückwärtsgang ein. Nicht nur, dass den Banken damit am Vorabend einer möglichen neuen Bankenkrise dringend benötigtes Eigenkapital entzogen würde, Sorge macht die Willkür, mit der die Politik – egal welcher Couleur – immer tiefer in die Wirtschaft eingreift. In diesem Fall wird während des laufenden Geschäftsjahres mal eben knapp die Hälfte des Gewinnes eingefordert. Langfristige Erfolgsrezepte sehen anders aus.
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Auch einstige Börsenstars kann die Realität einholen. Waren Impfstoff-Aktien wie Moderna (WKN: A2N9D9) und BioNTech (WKN: A2PSR2) in den Anfangstagen der Corona-Pandemie noch die am stärksten gehypten Titel, führen sie inzwischen ein echtes Schattendasein. Beim führenden deutschen Impfkonzern BioNTech hat sich mittlerweile fast schon ein Tannenbaum-Chart herausgebildet, wie man ihn noch von ehemaligen Börsenlieblingen der deutschen Solarbranche, etwa Solarworld, kennt – erst steil nach oben, dann steil nach unten. Etwaigen Hoffnungen auf eine mögliche Bodenbildung machten nun die jüngsten Quartalszahlen einen Strich durch die Rechnung – BioNTech schreibt Verluste. Der Kurs brach unmittelbar um rund 10% ein und verläuft jetzt unterhalb eines massiven Widerstands. Nun hofft man an der Mainzer Goldgrube 12 – ja, so lautet tatsächlich die Adresse von BioNtech – auf die Markteinführung eines angepassten „Covid-19-Impfstoffs“, der für September angekündigt wurde. Auch BioNTech-Kooperationspartner Pfizer (WKN: 852009), auf dessen Aktien wir einen Put in unserem Aktienmusterdepot halten, leidet unter dem Corona-Kater.
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Steuerzahler als Großinvestoren
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Dagegen ist eine andere Aktiengruppe derzeit in aller Munde, zumindest in Deutschland. Nachdem Halbleiter-Gigant Intel (WKN: 855681) eine Chipfabrik in Magdeburg bauen wird, gab nun Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp. TSMC (WKN: 909800) bekannt, ebenfalls in Deutschland groß investieren zu wollen. Die Wahl für den neuen Produktionsstandort fiel auf den Großraum Dresden. Die Politik wertet beide Großinvestitionen als Beleg für die Attraktivität des deutschen Standorts. Was sie dabei geflissentlich übersieht, dass beide Projekte nur aufgrund erheblicher Subventionen an Land gezogen werden konnten, rund 10 Mrd. EUR bei Intel und rund 5 Mrd. EUR bei TSMC. Während der deutsche Mittelstand zwischen Rekordsteuern, Energiewende und bürokratischen Hemmnissen zerrieben wird, feiert sich die Politik für teuer bezahlte Symbolinvestitionen.
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Weiter am seidenen Faden hängt der DAX 40. Nachdem die letzten drei Allzeithochs versagt hatten, und auch der Aufwärtstrend seit Oktober 2022 nach unten durchbrochen wurde, schien der Weg nach unten frei zu sein. Doch ganz so lehrbuchmäßig mochte sich der DAX diesmal noch (?) nicht verhalten. Nachdem es gestern kräftig auf ein neues Vier-Wochen-Tief nach unten ging, erholte sich der Markt heute per Redaktionsschluss dieser Ausgabe schon wieder leicht. Das ist zumindest ein Achtungserfolg. Die wichtige Unterstützung im Bereich von 15.650 Punkten hat damit erst einmal gehalten.
Solche Tagesereignisse sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Markt insgesamt angeschlagen bleibt. Im Smart Investor Weekly vom 12.7. hatten wir auch schon einmal die „2B“-Problematik thematisiert. Insbesondere das dreimalige Versagen neuer Allzeithochs stimmt uns zurückhaltend. Dazu kommt, dass die Monate August und September historisch schwierig waren und sich nicht für aggressive Long-Engagements empfehlen.
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Vor dem Veranstaltungsherbst
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