Erweiterte Funktionen


Kolumnist: Ralf Flierl

Kommen und Gehen




14.04.22 08:53
Ralf Flierl

Über Hoffnungsträger im Aktionärskreis


Aktienregen


In der letzten Ausgabe thematisierten wir die stark unterschiedliche Kursentwicklung zwischen US- und kontinentaleuropäischen Bankaktien. Zuletzt schien sich das Blatt zugunsten der Europäer zu wenden, da einerseits die beispielhaft gezeigte JPMorgan Chase unter Verlusten im Russlandgeschäft litt, während es andererseits bei der Deutschen Bank wieder einigermaßen rund zu laufen schien. Gestern hat sich das Blatt erneut gewendet, zumindest bei der Kursentwicklung. Die Aktien von Deutsche Bank und Commerzbank sackten prozentual fast zweistellig ab, nachdem es schon am Montag im nachbörslichen Handel förmlich Anteilsscheine der beiden Geldinstitute regnete.

Ein solcher Verkaufsdruck löst bei Aktionären stets Unbehagen aus, bei Bankaktionären ganz besonders. Denn dort werden mitunter große Räder gedreht und die entscheidenden Details einzelner Gestaltungen, also diejenigen, die einem Geldhaus und dessen Aktionären potenziell auf die Füße fallen können, sind in der Außensicht regelmäßig so lange unbekannt, bis sie dem Geldhaus und dessen Aktionären tatsächlich auf die Füße gefallen sind. Das Rätsel um den Abverkauf beider Aktien löste sich aber schon gestern: Der US-Investor Capital Group trennte sich von seinen Aktienpaketen, die bei der Deutschen Bank immerhin mehr als 5% der ausstehenden Aktien und bei der Commerzbank über 3% ausmachten.

Promis von Bord


Zwar sind nun Ross und Reiter bekannt, richtig beruhigend ist diese Information aber trotzdem nicht. Während die Deutsche Bank seit den beiden relativen Tiefs des Jahres 2019 den DAX noch deutlich ausperformte, könnte diese Phase nämlich nun zu Ende gegangen sein, und zwar ganz ohne, dass das Management eine Schuld daran träfe. Denn gerade bei „der Deutschen“ hatten die Aktionäre einigen Honig aus dem Umstand gesaugt, dass sie prominente Mitaktionäre im Boot hatten. Neben der Capital Group entzündete sich die Fantasie seinerzeit vor allem an dem Hedgefonds Cerberus Capital. Der hatte allerdings schon vor Monaten begonnen, seine Beteiligung abzubauen.


Nun warf die Capital Group ihre Anteile auf den Markt, nachdem sie erst kürzlich bei Barclays ausgestiegen war. Das sieht klar nicht nach aktuellen Problemen bei einzelnen Instituten aus, sondern nach einer veränderten Großwetterlage, die bei den US-Investoren zu einem Umdenken bezüglich europäischer Bankinvestitionen geführt hat. Zwar war man bis vor kurzem noch davon ausgegangen, dass steigende Zinsen den Margen guttäten, allerdings ist die heraufziehende Gefahr einer Stagflation ein Umfeld, in dem mit verhaltener Kreditnachfrage und zunehmenden Kreditausfällen zu rechnen ist. Auch die Sanktionspolitik gegen Russland, bei der sich Deutschland im Wesentlichen selbst sanktioniert, eröffnet keine positiven Wachstumsperspektiven für das Land. Die Episode hat einen weiteren Aspekt gezeigt. Auch mit den professionellsten Mitaktionären kann man sich nie ganz sicher fühlen – so schnell und vehement, wie diese einsteigen, steigen sie auch wieder aus.


Peak Inflation?


In dem Stagflations-Szenario, das keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, steckt für Otto Normalverbraucher im Moment vor allem gut sichtbar die Inflation, während das stagnierende oder sogar rückläufige Wachstum im Moment noch nicht annähernd so prominent wahrgenommen wird. Die USA vermeldeten diese Woche einen Anstieg der Konsumentenpreise um +8,5% p.a., wieder einmal der höchste Anstieg seit mehr als 40 Jahren. Inzwischen wird zwar bereits von „Peak Inflation“ gesprochen und tatsächlich könnten statistische und Basiseffekte den US-Preisauftrieb in den nächsten Monaten etwas dämpfen.

Eine ausgemachte Sache ist dies allerdings nicht, denn über die Erzeugerpreise steckt auch weiter noch einiges an potenziellem Preisdruck in der Pipeline. Während die Vertreter der US-Notenbank zumindest verbal keinen Zweifel an ihrem Willen zur Inflationsbekämpfung aufkommen lassen, wirkt die EZB in der Sache weiter halbherzig und ratlos. Sollte es gar zu einer Verschärfung und oder Ausweitung des Krieges um die Ukraine, oder zu neuen Lockdowns im Herbst kommen, wären die schon jetzt unerfreulichen Erwartungen hinsichtlich des weiteren Wirtschaftswachstums sowie des Preisauftriebs ohnehin Makulatur.

Junger Wilder


Auch einen zweiten Faden aus der letzten Ausgabe wollen wir noch einmal aufnehmen: Dort berichteten wir vom Wettstreit der Tech-Milliardäre Jeff Bezos und Elon Musk, der ein bisschen an die Comic-Figuren Dagobert Duck und Klaas Klever erinnert. Denn kaum hatte Bezos einen eigenen satellitengestützten Breitbandservice namens Kuiper angekündigt, machte Musk in der letzten Woche auf einem anderen Feld von sich Reden: Er stieg beim Kurznachrichtendienst Twitter ein, den er auch selbst fleißig, manche sagen: zu fleißig, nutzt. Ursprünglich kündigte der, nun mit knapp 9% größte Einzelaktionär seinen Anspruch auf einen Verwaltungsratssitz an, machte dann aber vorerst (?!) einen Rückzieher. Hintergrund, so wird orakelt, könnte sein, dass mit einem Verwaltungsratssitz eine Beschränkung des Aktienanteils auf 15% verbunden wäre. Möglicherweise hat Musk bei Twitter also noch sehr viel mehr vor. Der Aktie ist das Musk-Engagement bislang per Saldo jedenfalls gut bekommen (vgl. Chart), auch wenn der ungeliebte Newcomer von seinen neuen Mitaktionären nun mit Klagen überzogen wird. Langweilig wird es mit Musk als Großaktionär sicher nicht, denn zusammen mit seinem Einstieg kündigte er bereits umfangreiche Veränderungen der Geschäftsstrategie an. Das führte, je nach eigener Positionierung, zu starkem Unmut oder echter Vorfreude auf die Neuausrichtung. Das in die Jahre gekommene Twitter war zuletzt im Sinne der vorherrschenden Narrative vielleicht ein wenig zu korrekt aufgestellt. Falls jemand da für frischen Wind sorgen kann, dann sicher das „Enfant Terrible“ Musk.


Sesselkleber


Politisch liegt ebenfalls eine Woche großer Veränderungen hinter uns. Die mit Spannung erwartete Abstimmung zur „Allgemeinen Impfpflicht ab 18 50 60“ scheiterte vergangenen Donnerstag im Bundestag wesentlich deutlicher, als dies prognostiziert worden war. Bundeskanzler Scholz möchte (vorerst?) keinen weiteren Anlauf in der Sache unternehmen. Nicht nur die herbe Abstimmungsniederlage, auch die zahlreichen Fehlprognosen sowie Fehleinschätzungen und nicht zuletzt die vollkommen überdimensionierte Impfstoffbeschaffung wären für den zuständigen Gesundheitsminister Lauterbach eigentlich weit mehr als nur ein guter Grund gewesen, seinen Hut zu nehmen.


Doch der macht einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Mehr noch, er arbeitet offenbar fieberhaft daran, die überzähligen Impfdosen doch noch per neuem Impfpflichtanlauf in die Bevölkerung zu „verklappen“. Wenn man bedenkt, dass in diesem Land ein Bundespräsident einst wegen eines Bobbycars zurückgetreten ist, möchte man heute von politischer Kultur nicht mehr sprechen. Weniger Glück beim Sesselkleben hatte Bundesfamilienministerin Anne Spiegel, die ihr eklatantes Versagen als rheinland-pfälzische Umweltministerin beim Ahrtal-Hochwasser mit 135 Toten doch noch einholte. Die Versuche, die „Spiegel-Affäre“ als frauenfeindlich und nicht als einen Fall von individueller Inkompetenz darzustellen, waren streng genommen selbst frauenfeindlich, verfingen aber nicht. Während sich Spiegel nach langem Zögern eine emotionale Entschuldigung abrang und die Sache damit auf sich beruhen lassen wollte – Bundeskanzler Scholz hatte sich sogar noch hinter sie gestellt –, war es letztlich die Grünen-Spitze, die Spiegel zum Rückzug drängte. Das grundsätzliche Problem, dass Spitzenämter nicht mit Spitzenleuten, sondern nach Parteien- und Geschlechterproporz besetzt werden, soll aber offenbar nicht angegangen werden.


Leichte Denker, schwere Waffen


In der Außenpolitik könnten vor allem zwei Themen in nächster Zeit relevant werden. Zum einen ist das der Krieg um die Ukraine, der nun auch in Deutschland zu immer stärkeren Friktionen führt. Embargo-Überlegungen gegen russisches Gas bzw. Öl sind so weit ab von jeder Vernunft, dass sie nicht einmal als Bluff gegen Russland taugen. Jedem, der auch nur die Grundrechenarten beherrscht könnte das klar sein – ist es aber offensichtlich nicht.

Auch die Forderung nach der Lieferung „schwerer Waffen“, die mit großer Vehemenz von der grünen Außenministerin Baerbock vorgetragen werden, sind ein Spiel mit dem Feuer. Es ist geradezu ein Treppenwitz der bundesdeutschen Geschichte, dass die Grünen, die aus einer starken pazifistischen Tradition heraus stammen – der sie nun sichtbar entwachsen sind –, sich hier als regelrechte Scharfmacher positionieren. Wir stimmen in dieser Hinsicht dem ehemaligen militärpolitischen Berater der Regierung Merkel, Brigadegeneral a.D. Erich Vad zu, demzufolge die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine einem „faktischen Kriegsbeitritt gefährlich nahe“ komme. Ein Vorgehen mit Augenmaß, gar eine Strategie zur Deeskalation können wir darin jedenfalls nicht erkennen, auch wenn solche Waffenlieferungen in der medial aufgeheizten Stimmung derzeit sogar mehrheitsfähig zu sein scheinen.


Zu den Märkten


Das zweite außenpolitische Thema von erheblicher Sprengkraft für die weitere Entwicklung der Europäischen Union ist die französische Präsidentschaftswahl. Amtsinhaber Emmanuel Macron und Herausforderin Marine Le Pen müssen nach dem Wahlgang vom vergangenen Sonntag am 24. April in die Stichwahl. Wie spannend es in anderthalb Wochen wird, ist schwer abzuschätzen. Am vergangenen Sonntag lag Macron mit 27,8% der Stimmen zwar komfortabel vor Le Pen mit 23,1%, beide waren jedoch weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Die hätten sie gerade einmal gemeinsam erreicht (50,9%). Entscheidend wird sein, auf wen sich die Stimmen der anderen Kandidaten verteilen werden. Mit einem Stimmanteil von 22% verfehlte der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon den Einzug in die Stichwahl nur knapp.


Der mochte sich zwar nicht für Macron aussprechen, positionierte sich aber klar gegen Le Pen. Der Viertplatzierte Éric Zemmour steht noch einmal rechts von Le Pen. Für seine Anhänger wird wohl Le Pen das kleinere Übel sein. Dekliniert man es nach den Lagern durch, sollte am Ende eine weitere Amtszeit für den durchaus unbeliebten Macron herauskommen. Da die Präsidentschaftswahl aber letztlich eine Personenwahl ist, sollte man auch Le Pen nicht abschreiben. Im Gegensatz zum entrückten Macron gibt sie sich volksnah, was bei den Wählern durchaus ankommt. Nach der letzten Ifop-Umfrage sieht es im Moment nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus – Macron 51%, Le Pen 49%. Sollte Le Pen neue französische Präsidentin werden, wäre das Führungsduo der EU mit der eher linken deutschen Ampel und einer rechten französischen Regierung weltanschaulich in verschiedenen Lagern. Das könnte zu einigen Verspannungen führen, die sich auch auf den Euro und die Aktenmärkte auswirken. Der Ausgang des ersten Wahlgangs wurde beim CAC40 bislang allerdings gelassen gesehen (vgl. Chart)..


Volles Haus


Am vergangenen Samstag fand in Würzburg die Veranstaltung „Pieper & Friends“ von IEM – Internationale Expertenmanufaktur und Metallorum statt. Der Finanzexperte Rolf B. Pieper führte mit Witz und Charme durch die erste große Anlegertagung des Jahres, die wieder als echte Präsenzveranstaltung stattfinden konnte – ohne Maskenpflichten oder Corona-Auflagen. Dass der 300 Zuhörer fassende Saal bis auf den letzten Platz ausgebucht war, zeigte nicht nur, wie groß das Bedürfnis der Anlegergemeinde nach persönlichem Austausch ist, es spiegelt auch das Interesse an den Referenten und deren Themen wider. Vor Ort waren neben Metallorum-Geschäftsführer Tino Leukhardt, auch Degussa-Chef Dr. Markus Krall und der Buchautor Ernst Wolff. Per Videobotschaft zugschaltet war der Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland und Degussa-Chefökonom Prof. Thorsten Polleit.


Natürlich brauchte man keinen der Redner intensiv vorzustellen, da das Publikum eigens eine, zum Teil weite Anreise auf sich genommen hatte, um die Stars des wertorientierten Investierens zu sehen. Die Aussagen zur weiteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung waren dann allerdings durchaus bedrückend. Über die Schlaglichter werden wir im kommenden Smart Investor 5/2022 berichten, ergänzt um ein Interview mit Ernst Wolff, der uns ein wenig hinter die Kulissen der aktuellen Entwicklungen um Pandemie und Krieg blicken lässt. Das Thema Rohstoffe spielt übrigens auch im aktuellen Smart Investor 4/2022 eine herausragende Rolle, wobei insbesondere auch die Auswirkungen des Ukrainekriegs auf Metalle, Öl und Gas herausgearbeitet werden.


Smart Investor für alle


An dieser Stelle dürfen wir auf eine neue Rubrik auf unserer Website aufmerksam machen. Im Bereich „Hintergrund“ finden Sie an der letzten Stelle die Rubrik „Smart Investor für alle“. Dort werden wir in loser Folge immer einmal wieder einzelne Artikel aus dem Bezahlbereich einstellen, so dass sich auch Nicht- bzw. Noch-Nicht-Abonnenten einen Eindruck vom Leistungsspektrum unseres Magazins verschaffen können. Um die Interessen unserer Bezahlkunden zu schützen, erfolgt die Veröffentlichung hier allerdings stets mit zeitlichem Abstand zur Erstveröffentlichung im Heft. Den Auftakt machen wir mit einem echten Highlight, unser Interview mit dem ebenso bekannten wie umstrittenen US-Analysten Martin Armstrong, dem im Jahr 2015 mit „The Forecaster“ sogar ein eigener Kinofilm gewidmet wurde. Den kompletten Artikel finden Sie hier.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem Aktien-Musterdepot und in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Die Inflation steigt und US-Investoren verabschieden sich aus europäischen Bankaktien. Zwei Entwicklungen, gegen die man sich aktuell besser nicht positionieren sollte.

Ralf Flierl, Ralph Malisch






 
 

Werte im Artikel
2,70 plus
+42,11%
24.250 plus
+0,70%
Aktien des Tages

RSS Feeds




Bitte warten...