Dompteure in der Manege
Als wir in der letzten Woche über die Märkte und die bevorstehende Fed-Sitzung berichteten, bemühten wir das Bild vom Kaninchen und der Schlange. Denn das Verhältnis zwischen US-Notenbank und Märkten ist in dieser Hinsicht ziemlich eindeutig – zumindest kurzfristig: Was immer die Fed tut oder nicht tut, sagt oder nicht sagt, es ist geeignet, die Märkte kräftig durcheinander zu rütteln. Auf mittlere und längere Sicht ist die Sache dann aber gar nicht mehr so eindeutig: Denn die Fed fürchtet die Marktreaktionen nicht weniger als die Märkte die Entscheidungen der Notenbanker. Oft genug handelt oder unterlässt sie, um die Börsen in einer fragilen Situation zu besänftigen bzw. bei Laune zu halten. Besonders in Krisen ist das, meist in der trügerischen Hoffnung, das billige Geld später wieder einsammeln zu können. Auch die scheinbar allmächtigen Herren des Geldes wissen sehr genau, dass ihrer Macht letztlich enge Grenzen gesetzt sind, wenn sie sich als Dompteure in der Manege versuchen.
Lehrbuch vs. Wirklichkeit
Diese Einschätzung mag mit den Lehrbüchern zur Geldpolitik nicht kompatibel sein, allerdings hat die Geldpolitik qua ausufernder Rettungsliquidität über die Jahrzehnte Spuren hinterlassen, die so nicht in den Lehrbüchern stehen. So wurde die Politik des billigen Geldes einer der Hauptreiber der Verschuldung, die so zu einem wahren Monster herangefüttert wurde, auf das jeder Geldpolitiker Rücksicht zu nehmen hat, zumal wenn er sich in der gleichen Manege bewegt. Schien die Verschuldung in den Anfangstagen unserer Fiatgeldsysteme eine vernachlässigbare Größe zu sein, ist sie heute der nahezu alles bestimmenden Faktor. Die Tage, als Notenbanker ohne vorherige Ankündigung die Zinsen in ganzen Ein-Prozent-Schritten nach oben setzen konnten, sind lange vorbei – und werden innerhalb der aktuellen Währungssysteme auch nicht wiederkommen.
Frankfurter Kaninchen
Während also sogar die Fed vor diesem Monster, das im Wesentlichen ein selbst erschaffenes ist, Respekt zeigt, ist die EZB in dieser Hinsicht praktisch ausschließlich Kaninchen. Zum einen ringt sie um eine glaubwürdige Anti-Inflationsstrategie, die den Devisenmarkt besänftigen kann, und das ist eine Aufgabe, die nach der falkenhaften Rhetorik der Fed nicht gerade leichter geworden ist. Zum anderen hat sie mit ihrem jüngsten „Rechenfehler“ zur Inflationsprognose bereits einiges an Vertrauenskapital verspielt. Es dürfte also erst einmal ganz genau hingeschaut werden, falls die EZB ein weiteres Mal Zielerreichung trotz Untätigkeit prognostizieren sollte.
Hoher Erwartungsdruck
Im Gegensatz zur Fed ist die EZB schon mit ihrer inoffiziellen Hauptaufgabe, dem Zusammenhalt der Eurozone, der Fähigkeit zu einer echten Inflationsbekämpfung praktisch beraubt. Eng damit verbunden muss sie die Schuldentragfähigkeit der Mitgliedsstaaten unterstützen, etwa durch die Null- und Negativzinspolitik und erst dann käme überhaupt erst eine Politik gegen die massiv angesprungene Inflation in Betracht. Schon aus diesen Gründen sollte man sich von der morgigen EZB-Sitzung keine großen Korrekturen der bisherigen Geldpolitik erwarten, obwohl der Erwartungsdruck durch die Ankündigungen der Fed erheblich ist. Möglicherweise, aber dies ist reine Spekulation, kalkuliert die Fed sogar ganz bewusst damit, dass sie die ungeliebte europäische Konkurrentin vor sich hertreiben bzw. unter Druck nehmen kann, was den Dollar selbst attraktiver macht und die US-Inflation dämpfen könnte. Für morgen erwarten wir jedenfalls keine nennenswerte Änderung der lockeren Geldpolitik. Allenfalls wird die EZB die Gratwanderung versuchen (müssen?), eine Strategie gegen die Inflation anzukündigen, die einerseits glaubwürdig genug ist, um die Märkte in Zaum zu halten, andererseits aber nicht so konkret wird, dass sie diese in Panik versetzt. Die Geister, die Frau Lagarde und zuvor Herr Draghi riefen, wird die EZB so schnell jedenfalls nicht mehr los. Dass all dies keine positive Prognose für den Euro erlaubt, haben wir augenzwinkernd auch in unserer Rubrik „Zu guter Letzt“ im aktuellen Smart Investor 2/2022 thematisiert.
Impfpflicht-Geisterfahrer
Auch in der Corona-Politik haben wir es in mit einer Kaninchen/Schlange-Problematik zu tun: Die Politik starrt auf jede weitere, auch nur künftig mögliche Variante, wobei die konkrete Reaktion inzwischen weit streut. Während in den Anfangstagen im Wesentlichen nur Schweden und einige exotische Länder eine, vom allgemeinen Corona-Geleitzug abweichende Strategie verfolgten, scheren vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Omikron-Variante immer mehr Länder aus. Vielfach geht die Tendenz in Richtung Lockerung und Aufhebung der Maßnahmen, die ohnehin kaum gehalten haben, was versprochen wurde. Heute sind die Geisterfahrer eher in Österreich und Deutschland zu finden, wo die Politik geradezu verbissen am Thema einer allgemeinen Impfpflicht festhält – gegen eine Variante, die noch nicht existiert, mit einem Impfstoff, der erst noch angepasst werden muss. Auch Kanada zeichnete sich zuletzt durch drakonische – und angesichts steigender Inzidenzen – auch dort weitestgehend wirkungsloser Maßnahmen aus.
„COWARD-19“
Doch eine wachsende Anzahl von Menschen hatte die dortige Gängelung durch die Corona-Politik zuletzt schlicht satt. Zum Überlaufen brachte das Fass eine weitestgehend sinnfreie Impfpflicht für Lkw-Fahrer („Trucker“). Statt aber weiter wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren, machten sich Tausende von ihnen, nach eigenen Angaben sollen es sogar Zigtausende gewesen sein, auf den Weg zu einer Protestfahrt nach Ottawa, dem Regierungssitz des kanadischen Premiers Justin Trudeau. Der freilich tat die Protestierenden als kleine Randgruppe („fringe minority“) und als Extremisten ab, zog es aber dennoch vor, den Regierungssitz eilig zu verlassen. Es wurde berichtet, er habe Corona und musste sich deshalb in Quarantäne begeben, wobei die Variante im Netz spöttisch als „COWARD-19“ (= Feigling) identifiziert wurde. Ein Spitzname, der Trudeau wohl einige Zeit bleiben dürfte.
Die Trucker und der Milliardär
Die Trucker hatten jedenfalls erhebliche Sympathien in der kanadischen Bevölkerung, obwohl sich die, von der Regierung finanziell abhängigen Medien nach Kräften bemühten, die Bewegung totzuschweigen bzw. zu diskreditieren. Diese Bemühungen durften in dem Moment als gescheitert gelten, als Tech-Milliardär Elon Musk am 27. Januar öffentlich seine Sympathien für die Trucker bekundete: „Canadian truckers rule“ („Kanadische Trucker geben den Ton an“) und dann auch noch mit mehreren Tweets nachlegte:
27.1.2022: „CB radios are free from govt/media control“ („CB-Funkgeräte sind frei von staatlicher/medialer Kontrolle“)
28.1.2022: „If you scare people enough, they will demand removal of freedom. This is the path to tyranny.“ („Wenn man den Menschen genug Angst macht, werden sie die Beseitigung der Freiheit fordern. Dies ist der Weg zur Tyrannei.“)
30.1.2022: „It would appear that the so-called “fringe minority” is actually the government“ („Es hat den Anschein, dass die so genannte "kleine Randgruppe" in Wirklichkeit die Regierung ist.“)
30.1.2022: „Protesting in a Canadian winter shows real commitment!“ („Im kanadischen Winter zu protestieren, zeigt echtes Engagement!“)
Angst vor Ausbreitung
Nun ist Musk für seine impulsiven Tweets berühmt, aber schon die Resonanz von knapp 440.000 Likes und mehr als 88.000 Retweets allein für den ersten Tweet zeigt, dass er, wie auch die kanadischen Trucker, einen Nerv getroffen hatte. Und diese Reaktionen zeigen auch, warum die großen Medien nur widerwillig berichteten. Denn schon am vergangenen Wochenende gab es auch erste Trucker-Proteste in den USA, Australien und Italien. Wenn die Lastkraftfahrer in den Ausstand treten, Italiener und Franzosen wissen das nur zu genau, dann geht im Lande schnell nichts mehr. Obwohl eine solche Lkw-Blockade ganz andere Implikationen für die kanadische Wirtschaft hat als etwa eine Lastenrad-Demo der Genderforschenden, zeigte sich der kanadische TSX-Index bislang unbeeindruckt (Abb. 1, oberer Teil). In den letzten Tagen konnte der Index sogar wieder deutlich zulegen, fast so, als würden die Märkte mit den Belastungen der Blockade gut umgehen können, falls am Ende eine Rückkehr in die Maßnahmenfreiheit stünde. Auch relativ zum US-amerikanischen S&P 500 (unten im Chart) zeigte sich der TSX weiter robust.
Zu den Märkten
Auch der DAX (Abb. 2) konnte sich in den letzten Tagen ordentlich erholen. Einmal mehr hat damit der wichtige Unterstützungsbereich von 15.000 Punkten gehalten. Dennoch sieht das Kursgeschehen der letzten Monate insgesamt eher „toppy“ und alles andere als dynamisch aus. Diesen Eindruck bestätigt auch die jüngste Kursrally, die mit sinkenden Umsätzen einherging (vgl. Abb. 2, unterer Teil, Markierungen). Das unterscheidet sie von der vorangegangenen Abwärtsbewegung, in deren Verlauf die Umsätze bis zum Tief zugelegt hatten. Im Ergebnis verbleibt der DAX weiter in seiner Schiebezone. Rückenwind könnte der Index allerdings erhalten, falls sich auch Deutschland nicht länger gegen den internationalen Trend zur Lockerung der Corona-Maßnahmen sperrt. Selbst beim bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der bislang fest im „Team Vorsicht“ beheimatet war, scheint sich ein Umdenken anzudeuten. Auf Bundesebene ist mit dem aktuellen Personal ein solcher Schwenk allerdings nicht zu erwarten.
Musterdepots & wikifolio
In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.
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Fazit
Was letzte Woche die Fed war, ist diese Woche die EZB. Am Donnerstag ist es so weit und die spannendste Frage dürfte sein, wie Christine Lagarde es schaffen wird, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen und dennoch nichts Nennenswertes zu tun.
Ralf Flierl, Ralph Malisch










