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Wie steht es um den Halbleitermangel?




14.06.21 10:10
Neuberger Berman

New York (www.aktiencheck.de) - Neben der Blockade des Suezkanals durch ein auf Grund gelaufenes Containerschiff, ist die weltweite Halbleiter-Knappheit das Welthandelsthema des Jahres, so Yan Taw (YT) Boon, Director Research Asia bei Neuberger Berman.

Für viele sei sie lediglich ein vorübergehendes Phänomen. Es bestehe hohe Nachfrage nach Computern durch die vielen Mitarbeiter im Home-Office und die Automobilindustrie bereite sich auf den Neustart der Wirtschaft vor. Gleichzeitig sei das Angebot zurzeit knapp, weil die Industriearbeiter noch immer unter Pandemiebedingungen arbeiteten oder, etwa in Asien, neue Einschränkungen greifen würden.

All das sei nicht falsch, aber vermutlich nur die halbe Wahrheit. Tatsache sei nämlich auch, dass sich die Branche grundlegend ändere. Nicht mehr nur ausgewählte Sektoren würden Halbleiter, sondern fast alle Branchen brauchen. Und statt der Konjunktur würden zunehmend strukturelle Veränderungen die Nachfrage treiben. Die Preismacht der Anbieter sei größer denn je und entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Chips sei der Kapitalbedarf enorm.

Am lautesten habe die Automobilindustrie geklagt, da die Halbleiterknappheit für Produktionsstopps gesorgt habe. So würden Autohersteller eher klassische Chips statt der Hochleistungshalbleiter brauchen, die in Mobiltelefonen und Smart Devices verbaut würden. Jedoch hätten sich Entwicklung und Investitionen in den letzten Jahren auf Hochleistungschips konzentriert, sodass die Produktionskapazitäten für Automobil-Chips weitestgehend veralten und abnehmen würden.

Mit anderen Worten: Das eigentliche Problem sei nicht, dass Automobilhersteller keine Chips bekommen würden. Weitaus schwerwiegender sei, dass die Chiphersteller den Bedarf an Hochleistungstechnologie nicht decken könnten, obwohl sie auf diesen Bereich einen klaren finanziellen und strategischen Schwerpunkt setzen würden.

So werde deutlich, wie schnell der Bedarf an Halbleitern in unseren Geräten wachse. Smart Devices würden noch smarter - und selbst Technik wie der Fernseher oder der Kühlschrank gehöre immer öfter zu dieser Kategorie.

Mit jeder neuen Generation oder jedem neuen technologischen Meilenstein wachse die Zahl der Transistoren pro Gerät und damit die Rechenkraft der Chips. Jeder Fortschritt erfordere mehr Forschung und Entwicklung, Kapital, Rohstoffe, Ingenieurskunst und letztlich Zeit - im Schnitt zwischen zwölf und 18 Monate. Deshalb könnten Halbleiterhersteller nicht einfach einen Hebel umlegen, um die Nachfrage der Hersteller nach modernster Technologie zu befriedigen.

In einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt führe dies zu sich gegenseitig verstärkenden Rückkopplungen: Jede neue Technologie ermögliche Innovationen und neue Anwendungen. Das lasse wiederum die Nachfrage nach Chips steigen und bringe die Entwicklung neuer Technologien weiter voran.

Da überrasche es nicht, dass die Kapitalaufwendungen des weltgrößten Chipherstellers TSMC aus Taiwan dieses Jahr wohl um über 50 Prozent steigen würden. Über den Verlauf der kommenden drei Jahre könne mit Investitionen von rund 100 Milliarden US-Dollar gerechnet werden.

Während in immer mehr Geräten immer höher entwickelte Halbleiter verbaut würden, würden sich viele Regierungen mehr und mehr Sorgen um ihre Halbleiter-Lieferketten machen. Wenn die Produktivität der Industrie nur mit der neuesten Technik in Büros, Fabriken und Lagern gesteigert werden könne, sei ein ausreichender Zugang zu Halbleitern wichtig für die wirtschaftliche Sicherheit eines Landes. Und wenn dann noch fast jedes Gerät zu einem Kommunikationsgerät werde, handle es sich potenziell um ein Thema nationaler Sicherheit.

Das Ergebnis seien Verbote des Handels mit Chips zwischen einigen Ländern und Unternehmen. Andere Länder wiederum würden gezielt in inländische Produktion investieren, die mit den führenden asiatischen Produktionsländern - vor allem Taiwan - mithalten solle.

So wolle US-Präsident Joe Biden im Rahmen seines Infrastrukturprogramms 50 Milliarden US-Dollar für diesen Zweck bereitstellen. Der Halbleiterhersteller Intel wolle 20 Milliarden US-Dollar in neue Fabriken in Arizona investieren. TSMC und Samsung würden planen, für mehrere Milliarden US-Dollar ihre Produktionskapazitäten in den US-Bundesstaaten Arizona und Texas auszubauen. Auch die Europäische Union möchte mit ihren Pandemiehilfen eine Verdopplung der Halbleiterherstellung bis zum Jahr 2030 erreichen. Südkorea habe gerade 450 Milliarden US-Dollar für die Herstellung modernster Chips eingeplant und Indien biete Unternehmen mehr als eine Milliarde US-Dollar, wenn sie vor Ort Halbleiterfabriken bauen würden. Auch in China sei die Halbleiterherstellung ein wichtiger Teil des neuen Fünfjahresplans.

All dies verändere die Halbleiterbranche massiv. Erstmals seit vielen Jahren hätten die Hersteller echte Preismacht. Die wichtigste Veränderung sei aber, dass der Markt immer unabhängiger von der Konjunktur werde. Strukturelle Entwicklungen würden immer wichtiger. Halbleiteraktien würden defensiv.

Da sich die Chipnachfrage nicht mehr nur auf Computer und Autos beschränke, nehme die Konjunktursensitivität ab. Hinzu komme das veränderte Verbraucherverhalten: Früher sei Apple das einzige Unternehmen gewesen, das mehrjährige Lieferverträge für Chips abgeschlossen habe. Heute werde dies angesichts der höheren Nachfrage zur Regel.

Man sollte sich vor Augen halten, dass diese Veränderungen nicht nur die Halbleiterbranche und ihre Kunden betreffen würden. Sie würden Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette für die Chips haben.

Um Halbleiter herzustellen, würden Spezialgeräte benötigt, wie etwa die Lithografie-Technik von ASML und die Technologie von Lam Research für das Ätzen, Abscheiden und Reinigen von Halbleiter-Wafern. Für die Chip-Produktion sei außerdem spezielle Software nötig. Softwarehäuser wie Cadence Design Systems, Synopsys und Siemens Mentor Graphics würden sich daher auf die Electronic Design Automation (EDA) für diese immer komplexer werdende Arbeit mit den Halbleitern konzentrieren. Es sei davon auszugehen, dass ein Großteil der erwähnten Investitionen solchen Firmen zugute komme.

Weil nichts auf ewig die Schlagzeilen beherrsche, werde auch die Halbleiter-Knappheit irgendwann in den Hintergrund rücken. Das bedeute jedoch keineswegs, dass es sich bei diesem Thema um ein vorübergehendes Phänomen handle. Die Halbleiter-Knappheit resultiere nicht aus einer kurzfristigen Angebotsknappheit, sondern sei die Folge einer schnellen Digitalisierung und der Weltpolitik. Der wachsende Kapitalbedarf entlang der gesamten Wertschöpfungskette dürfe als eines der interessantesten Investmentthemen von heute gesehen werden. (14.06.2021/ac/a/m)







 
 
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