Immer wieder erreichen mich im Rahmen unserer Heibel-Ticker-Gemeinschaft spannende und kluge Fragen von Mitgliedern. Einige Antworten veröffentliche ich auch gerne – besonders, wenn sie aktuelle Entwicklungen an den Märkten berühren oder helfen, Bewertungsfragen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Eine Mitgliederfrage zum Thema autonomes Fahren bringt es besonders pointiert auf den Punkt:
Wenn Tesla wegen der Robotaxi-Vision ein 165er KGV bekommt – warum dann nicht auch Volkswagen, das mit Moia nun ein ähnliches Projekt ankündigt?
Oder andersherum gefragt:
Wenn Tesla wie Volkswagen bewertet würde, müsste der Kurs auf 8 Euro fallen. Wird Volkswagen wie Tesla bewertet, stünde der Kurs bei über 3.000 Euro.
Was stimmt denn nun? Wer ist über- oder unterbewertet – oder treffen sich beide irgendwo in der Mitte?
Mitgliederfrage Auszug:
Tesla hat Kurs 280 EUR bei KGV 165, der zum großen Teil auf der Hoffnung auf Robotaxis basiert. Volkswagen (Vorzüge) Kurs 87 EUR bei KGV 4,64.
Bewegt sich nun Tesla auf VW’s KGV, dann steht Tesla bei 8 EUR.
Umgekehrt würde Volkswagen bei Teslas KGV einen Kurs über 3.000 EUR erreichen.
Tritt irgendetwas davon ein, oder ein Mittelding, dann möchte man doch nicht auf der falschen Seite stehen, oder?
Meine generelle Antwort:
Die Frage ist clever gestellt – aber sie vergleicht Äpfel mit Birnen.
Obwohl sich die Projekte von Tesla, Waymo (Alphabet) und Volkswagen/Moia alle unter dem Label „autonomes Fahren“ einsortieren lassen, unterscheiden sie sich in drei zentralen Punkten fundamental.
Die Unterschiede im Detail: Tesla, Waymo und Moia im Vergleich
1. Kostenstruktur und Fahrzeugdesign
Tesla
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Fahrzeug: Robotaxi (ab 2026)
-
Stückkosten: unter 25.000 €
-
Sensorsystem: rein kamerabasiert mit KI-Auswertung
Waymo (Alphabet)
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Fahrzeug: Jaguar I-Pace
-
Stückkosten: ca. 150.000 €
-
Sensorsystem: Lidar + Radar + Kamera
Moia (Volkswagen)
-
Fahrzeug: ID.Buzz AD
-
Stückkosten: ca. 150.000 €
-
Sensorsystem: 9× Lidar + Radar
Ein Moia ID.Buzz AD kommt auf etwa 150.000 Euro Stückkosten. Der Grund: Die Fahrzeuge sind mit 9 Lidar-Sensoren und zahlreichen weiteren Radargeräten ausgestattet. Auch Waymo operiert mit dieser kostspieligen Sensortechnologie.
Tesla hingegen verfolgt einen
ganz anderen Ansatz:
Ein autonom fahrendes Model Y liegt heute bei 40.000 Euro. Für das
angekündigte Robotaxi,
das 2026 serienreif sein soll, rechnet Tesla mit Produktionskosten
unter 25.000 Euro
– ohne Lidar, dafür mit vollständig kamerabasiertem System plus
KI-Auswertung.
2. Skalierung und Stückzahlen
Tesla
-
Geplante Produktion: 5.000 Robotaxis pro Woche
-
Hochrechnung: ca. 260.000 Fahrzeuge pro Jahr
-
Produktionsstart: ab 2026
Waymo
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Aktueller Stand: ca. 2.000 Fahrzeuge pro Jahr
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Keine konkrete Produktionsausweitung angekündigt
Moia/VW
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Ziel: „mehrere Tausend“ Fahrzeuge bis Ende 2026
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Hochrechnung: ca. 1.000–2.000 Fahrzeuge jährlich
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Genaue Stückzahlen nicht veröffentlicht
Volkswagen plant mit Moia bis
Ende 2026 die Auslieferung von „mehreren Tausend“ Robotaxis.
Waymo spricht von ca. 2.000
Fahrzeugen pro Jahr.
Tesla? Plant 5.000 Robotaxis pro Woche – also über 250.000 Fahrzeuge jährlich. Die Dimension ist eine völlig andere – auch technologisch, weil Tesla das autonome System voll integriert in seine Fahrzeugplattform baut.
3. Strategischer Stellenwert
Tesla
-
Autonomes Fahren ist zentraler Baustein der Zukunftsstrategie
-
Skalierbarkeit und Marge stehen im Fokus
Waymo
-
Technologisches Experiment innerhalb von Alphabet
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Kein unmittelbares Massenmarkt-Ziel
Moia/VW
-
Pilotprojekt mit begrenzter Reichweite
-
Keine erkennbare strategische Priorisierung
Bei VW und Waymo wirkt das Thema eher wie ein technisches Nebenprojekt – ein Versuchsfeld ohne echte Monetarisierungsabsicht.
Tesla dagegen stellt das autonome Fahren ins Zentrum der Zukunftsstrategie: Als global skalierbare Plattform mit extrem hoher Marge. Entsprechend basiert auch ein Großteil der aktuellen Bewertung auf dieser Perspektive.
Bewertung: Ist Tesla überbewertet oder VW unterbewertet?
Beide Bewertungen lassen sich nicht direkt gegenüberstellen.
Tesla wird heute hoch bewertet, nicht für das aktuelle Geschäft, sondern für die mögliche Marktführerschaft bei autonomer Mobilität – zu einem Preisniveau, das weltweit massentauglich wäre.
Volkswagen hingegen wird derzeit bewertet wie ein klassischer Automobilbauer – mit Verbrennervergangenheit und elektrifizierter Zukunft, aber ohne große Phantasie im Bereich autonomer Mobilität.
Fazit
Ein direkter KGV-Vergleich ist hier nicht zielführend – weil die Geschäftsmodelle grundverschieden sind.
Wer in
Tesla investiert, setzt auf die Vision eines weltweiten
Robotaxi-Netzwerks mit niedrigen Kosten und hoher Marge.
Wer auf VW setzt, investiert in solide Automobiltechnik mit
optionalem Autonomie-Zusatz. Das sind zwei sehr unterschiedliche
Wetten – und beide können für sich genommen sinnvoll sein. Nur eben nicht vergleichbar.









