
von Carsten
Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL
Die deutsche Wirtschaft befindet sich offiziell in einer Rezession, nachdem das Wachstum für das erste Quartal vom Statistischen Bundesamt auf -0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal revidiert wurde. Eine schrumpfende gesamtwirtschaftliche Produktion ist auch für das zweite Quartal nicht auszuschließen, denn aktuelle Umfragen unter Unternehmen verdeutlichen eine ausgeprägte globale Industrierezession.
Die Perspektiven für die kommenden Quartale sind zwar grundsätzlich besser, allerdings ist nur mit einer sehr langsam zunehmenden Wachstumsdynamik zu rechnen. Aktuell fehlt es gesamtwirtschaftlich betrachtet an ausreichend Folgeaufträgen, nachdem viele Unternehmen im bisherigen Jahresverlauf und im Zuge wieder normal funktionierender internationaler Lieferketten die Auftragsstaus der letzten Jahre abgearbeitet haben.
Entsprechend gab auch der ifo-Geschäftsklimaindex, der sich zuletzt auf einem ohnehin noch niedrigen Niveau befand, erneut nach. Dabei trübten sich vor allem die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate in den Bereichen Verarbeitendes Gewerbe, Handel und Dienstleistungen ein. Im Bausektor wurde auch die aktuelle Lage als sehr schwach eingeschätzt, denn die Neubautätigkeit wird angesichts anhaltend hoher Baukosten und deutlich gestiegener Preise erheblich ausgebremst.
Die
noch vorhandene Wachstumsdynamik wird international derzeit
vor allem vom Dienstleistungssektor aufrechterhalten.
So befinden sich sowohl in den USA und China als auch in der
Eurozone die entsprechenden Einkaufsmanagerindizes weiterhin
im expansiven Bereich. Getragen wird diese Entwicklung vom
privaten Konsum, der bisher trotz anhaltend hoher
Inflationsraten noch sehr robust ausfällt. Aufgrund der
gesamtwirtschaftlichen Schwäche dürfte jedoch auch dieser
Bereich künftig an Dynamik einbüßen.
Daten für die USA belegen, dass sich der Anstieg der privaten
Konsumausgaben bisher zwar weiterhin oberhalb des
Vor-Corona-Durchschnitts befindet. Im Unterschied zu den
Vorjahren fokussieren sich die Ausgaben der Verbraucher aber
fast ausnahmslos auf Dienstleistungen und kaum noch auf Waren.
Die Inflation in der Eurozone ist im Mai deutlich auf 6,1 Prozent gesunken. Aufgrund des Vergleichs der zuletzt weiter gesunkenen Energiepreise mit dem jeweiligen Monatsdurchschnitt des Vorjahres ist auch für Juni eine fallende Inflationsrate absehbar. Auch die Kernrate – ohne die Komponenten Energie und Nahrungsmittel – ist auf 5,3 Prozent gesunken. Allerdings wird ein anhaltender Preissteigerungsdruck in nahezu allen Waren- und Dienstleistungssegmenten deutlich. Auch deswegen ist seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) Mitte Juni eine weitere Leitzinsanhebung im 25 Prozentpunkte zu erwarten. Im Juli dürfte ein weiterer Zinsschritt in gleicher Höhe folgen, worauf dann eine Leitzinserhöhungspause folgen könnte. Zinssenkungen sind allerdings nach wie vor nicht vor 2024 in Sicht.
In den USA ist die allgemeine Markterwartung, dass die Notenbank Fed bereits auf der kommenden Sitzung des Offenmarktausschusses keine weitere Leitzinsanhebung umsetzen wird. Da der US-Arbeitsmarkt allerdings weiterhin nahezu voll ausgelastet ist und die Erhöhung des Staatsschuldenlimits nunmehr beschlossen wurde, besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass im Juni oder Juli doch noch ein weiterer Zinsschritt erfolgt. Ob gegen Ende des Jahres erste Zinssenkungen möglich sind, wird die Notenbank von der Entwicklung der Inflationsdaten abhängig machen.
An den internationalen Aktienmärkten sind die Aufwärtstrends trotz schwächerer Konjunkturaussichten weiterhin überwiegend intakt. Offensichtlich setzen Anlegerinnen und Anleger auf die Aussicht eines sich zumindest leicht erholenden Wachstums und anstehender Leitzinserhöhungspausen. Zudem dürften weiterhin viele institutionelle Anleger nicht ausreichend gut für weiter steigende Kurse positioniert sein, so dass kleinere Rücksetzer immer wieder für Nachkäufe genutzt werden. Insgesamt bleiben damit die Aussichten für Aktien im weiteren Jahresverlauf gedämpft positiv.
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