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Die weltweite Rezession hat begonnen




25.03.20 11:15
Neuberger Berman

New York (www.aktiencheck.de) - Sind nach dem zweistelligen Kurssturz der letzten Woche jetzt alle wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 in den Aktienkursen berücksichtigt? Und reichen die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen, um die Wirtschaft vor dieser Bedrohung zu schützen? Auch wenn die Antworten darauf erst in einigen Monaten klar sein werden, gibt Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman, in seinem aktuellen Kommentar eine Einschätzung zu den derzeitigen Marktturbulenzen und bleibt vorsichtig.

Die Erfahrungen aus anderen Ländern würden dafür sprechen, dass insbesondere die USA den Höhepunkt der Krise in 45 bis 60 Tagen erleben werde. Erst dann werde wirklich klar sein, ob genug getan worden sei, um Unternehmen und Konsum am Laufen zu halten. Bis dahin könnten Aktien wie Credits durchaus noch einmal einbrechen.

Europa und ein Großteil der USA seien zum Stillstand gekommen, somit seien die letzten Zweifel zerstreut: Die weltweite Rezession habe begonnen.

Anders als 2008 brauche man kein Detailwissen über die Funktionsweise des Bankensystems, um zu verstehen, was gerade passiere. Man nehme Zuflucht in Wohnungen, niemand gehe irgendwohin. Wenig werde produziert, wenig gekauft.

Der Versuch durch soziale Distanzierung und Selbstisolation den Anstieg der COVID-19-Erkrankungen zu verlangsamen und zeitlich zu strecken, rette Leben und bewirke hoffentlich, dass die Gesundheitssysteme nicht zusammenbrechen würden. Aber all das habe seinen Preis: Die Wirtschaft werde damit länger und stärker geschwächt.

Ein Teil des Nachfrageausfalls der nächsten Monate werde wieder ausgeglichen, aber eben nur ein Teil. Wenn man jetzt kein neues Auto kaufe, werde man es wohl irgendwann nachholen. Aber wenn man auf einen Restaurantbesuch verzichten müsse, werde man beim nächsten Mal nicht doppelt so viel essen.

Die Rezession werde viele Arbeitsplätze kosten und vor allem kleine Unternehmen würden überproportional leiden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde vermutlich so stark einbrechen wie noch nie zuvor. Aber für wie lange?

Der aktuelle Nachfrageschock werfe eine brutale Frage auf, die fast jeden betreffe: Hätten wir genug Geld, um in den nächsten drei Monaten die Rechnungen zu bezahlen? Weltweit gebe es viele kleine und mittelgroße Unternehmen, die dies nicht von sich sagen könnten - egal, wie vorausschauend sie wirtschaften würden. Große multinationale Konzerne könnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen und sie vier Monate später wiedereinstellen. Wenn aber Firmen mit nur 50 oder 100 Beschäftigten untergehen würden, könne es Jahre dauern, diese neu aufzubauen und die Arbeitsplätze zurückzugewinnen.

Letzte Woche hätten Regierungen und Notenbanken den Ernst der Lage erkannt. Ihnen sei klar geworden, dass man Unternehmen und Privathaushalte mit Finanzspritzen retten müsse.

Die Geldpolitik habe entschlossen reagiert: Die FED habe die Zinsen auf null gesenkt und ihr Drehbuch von 2008 wieder hervorgeholt. Weltweit sei durch eine Lockerung der Swap-Linien zusätzliche Dollar-Liquidität zur Verfügung gestellt worden, ein 700 Milliarden US-Dollar schweres Quantitative-Easing-Programm solle Geldmarktfonds mit Liquidität versorgen und eine Commercial Paper Funding Facility (CPFF) solle kurzfristige Finanzierungsprobleme von Unternehmen gezielt angehen. Die Bank of England habe zu ähnlichen Maßnahmen gegriffen, ergänzt um Zinssenkungen und zusätzliche Wertpapierkäufe. Die japanische Notenbank habe ihr diesjähriges Aktienkaufziel verdoppelt, ergänzt um ein neues Kreditprogramm für Unternehmen mit einem Zins von null.

Nach anfänglichem Zögern und nicht immer klarer Kommunikation sei dann auch die Europäische Zentralbank wach geworden. Ihr Wertpapierkaufprogramm - 750 Milliarden Euro Volumen schwer, verteilt auf Titel staatlicher und privater Emittenten - biete maximale Flexibilität. Außerdem sollten im Rahmen der schon existierenden Programme sogenannte Commercial Papers, also Firmenanleihen mit guter Kreditqualität, gekauft werden.

Bei der Fiskalpolitik stünden die Zeichen auf Helikoptergeld. Die USA dürften bedürftigen Privatpersonen jeweils 1.200 US-Dollar in Form von Steuervergünstigungen zukommen lassen. Japan habe so etwas bereits in der Finanzkrise getan und erwäge zurzeit eine Neuauflage. Deutschland wolle nicht nur die verfassungsmäßige Schuldengrenze aufheben, um ein Hilfsprogramm zu ermöglichen, sondern dränge auch die Finanzminister des Euroraums zur Emission gemeinsamer Anleihen - ein enormer Schritt. Die Titel würden dann vermutlich von der EZB gekauft.

All dies komme mit einem enormen Tempo, wie die Epidemie selbst. Zum Vergleich: In der Finanzkrise 2008/2009 habe die FED erst im Dezember 2008 die Zinsen auf null gesenkt. Zwar habe es in den letzten Monaten 2008 einige konkrete Maßnahmen wie das Rettungspaket für Banken gegeben. Bis zum großen amerikanischen Konjunkturprogramm und dem G20-Treffen mit dem Beschluss eines weltweit koordinierten Vorgehens habe man aber bis April 2009 warten müssen - ganze sieben Monate nach dem Höhepunkt der Krise.

Noch lasse sich schwer sagen, ob dies reiche, um den Börsencrash zu stoppen. Das Hauen und Stechen um Liquidität mache alle leicht handelbaren Finanzinstrumente anfällig. Selbst bei US-Staatsanleihen und Geldmarktfonds habe es Probleme gegeben.

Wenn die kurzfristige Panik vorbei sei, werde man sehen, ob die Unternehmensgewinne gegenüber dem Vorjahr eher um 20 oder vielleicht doch um 40 Prozent einbrechen würden. Zurzeit würden viele Unternehmen eine Prognose scheuen - denn noch wisse man nicht, wann die Neuinfektionen wieder zurückgehen würden und was das alles für die Unternehmen bedeute.

Die Erfahrungen aus anderen Ländern würden dafür sprechen, dass man den Höhepunkt in weiten Teilen der USA vielleicht in 45 bis 60 Tagen erlebe. Nur dann werde wirklich klar sein, ob genug getan geworden sei, um Unternehmen und Konsum am Laufen zu halten. Bis dahin könnten Aktien wie Credits durchaus noch einmal einbrechen.

Am Ende dürften wir diese Krise überstehen, so Joseph V. Amato. Das Virus werde wieder verschwinden, Geld- und Fiskalpolitik dürften erkennbar helfen und die Märkte würden sich wohl wieder erholen.

Die Experten würden davon ausgehen, dass das US-BIP im zweiten Quartal annualisiert um 10 Prozent einbrechen könnte, wenn nicht mehr. Das wäre nur geringfügig weniger als 1932, bei dem bisher schlimmsten Einbruch um damals 13 Prozent. Danach würden sie aber auch eine kräftige Erholung für denkbar halten. Wem nach guten Nachrichten sei, der könnte nach China schauen. Die Kapazitätsauslastung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt werde schon jetzt wieder auf etwa 80 Prozent geschätzt.

Sollte man also risikobehaftete Wertpapiere kaufen, wenn sich die Märkte etwas stabilisieren würden? Nach einem Kursrutsch dieser Größenordnung würden die Experten das für verfrüht halten. Sie würden nicht glauben, dass man so bald etwas verpasse. Zunächst einmal könnte man schrittweise in krisenfestere Marktsegmente umschichten, etwa in amerikanische Large Caps und Investmentgrade-Credits.

Bis dahin müsse man den Aktien- und Anleihemärkten Zeit geben, bis die Kosten der Krise klarer abzusehen seien. Die nächsten Monate, wenn nicht Quartale, könnten lang werden. Aber am Ende werden wir die Krise überstehen, so Joseph V. Amato. (25.03.2020/ac/a/m)







 
 
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