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Verhandlung oder Eskalation?




27.03.26 11:43
RBC BlueBay Asset Management

London (www.aktiencheck.de) - Washington, Jerusalem und Teheran widersprechen einander – und niemand weiß, ob sie das, was sie sagen, auch meinen, so Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Ob die Kriegsparteien sich in Richtung Verhandlung oder Eskalation bewegten, sei völlig offen. Aus Anlegersicht könnte sich in dieser undurchsichtigen Lage Abwarten als beste Option erweisen, denn schon in wenigen Tagen könnten wir viel klarer sehen.

Die Ereignisse im Nahen Osten hätten die Finanzmärkte auch diese Woche dominiert. Anleihen und Aktien hätten am Montag kräftig zugelegt, nachdem sie zu Wochenbeginn deutlich niedriger eröffnet hätten. Der Grund sei Trumps Tweet gewesen, die Gespräche mit dem iranischen Regime kämen gut voran. Doch der Iran habe dementiert, und die Rallye sei wieder abgeebbt. Im Nebel des Krieges rätselten Anleger, wem sie glauben sollten.

Vereinfacht gesagt sähen wir zwei Szenarien:

Im ersten Szenario verlängere Trump die Fristen für Gespräche immer wieder neu und behaupte, es würden Fortschritte erzielt, obwohl die Feindseligkeiten vor Ort weitergingen. Letztendlich endeten die meisten Kriege mit einer Art Verhandlungslösung. Im Rahmen der laufenden Gespräche sei es möglich, dass die USA dem Iran so weit entgegenkämen, dass sie in den nächsten Wochen ein Ende des Krieges erklären könnten.

In diesem Szenario sähen wir die Ölpreise wieder auf rund 80 US-Dollar zurückfallen. Dennoch würden die anhaltenden Handelshindernisse die Inflation weltweit um etwa 0,8% steigern und damit das Wachstum um 0,4% belasten. In einem solchen Szenario könnten sich Risikoanlagen erholen, würden aber wahrscheinlich nicht die früheren Höchststände bei Aktien oder die engen Credit Spreads erreichen. Wir gingen zudem davon aus, dass die EZB vor diesem Hintergrund die Zinsen als Absicherung um 0,25% anheben könnte, während die Bank of England und die FED ihre Geldpolitik wahrscheinlich unverändert beibehalten würden.

Im zweiten Szenario kämen die USA zu dem Schluss, dass die Gespräche ins Leere liefen und die einzige Option darin bestehe, ein Ende des Krieges herbeizuführen. Allerdings möchten Saudi-Arabien und andere Golfstaaten vermeiden, dass künftig die Islamische Revolutionsgarde als regionale Mafia auftrete, den Zugang und die Durchfahrt der Straße von Hormus kontrolliere und die Anliegerstaaten erpresse.

In diesem Szenario löse eine von den USA geführte Bodenoffensive eine weitere Eskalation des Konflikts aus, und der Iran versuche, durch anhaltende Angriffe so viel Schaden wie möglich anzurichten, in der Hoffnung, dass dies die Weltwirtschaft, die Finanzmärkte und die USA in die Knie zwinge. Eine derartige Eskalation sei äußerst problematisch, und in einem solchen Fall könnten wir davon ausgehen, dass dadurch in den nächsten zwölf Monaten effektiv 10 Millionen Barrel Öl (rund 10% der weltweiten Produktion) vom Markt genommen würden, bevor das Angebot anderswo erhöht werden könne, um die Lücke zu schließen.

Im Falle einer Eskalation gingen wir davon aus, dass die USA rasch Maßnahmen ergreifen würden, um Energieexporte zu beschränken und die Inlandspreise zu drücken, um US-Verbraucher und -Unternehmen vor den schlimmsten Auswirkungen des Konflikts zu schützen. Die Auswirkungen auf die europäischen und asiatischen Volkswirtschaften dürften jedoch schwerwiegend sein, wobei die Ölpreise bis zum Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage steigen müssten - wahrscheinlich auf über 150 Dollar pro Barrel für Brent-Rohöl.

Damit dürfte die US-Wirtschaft weiterhin ein BIP-Wachstum von rund 2% verzeichnen, bei einer Inflation von bis zu 4%. Europa und das Vereinigte Königreich hingegen dürften in diesem Szenario in eine Rezession abgleiten, mit einem Verbraucherpreisindex von 4% in der Eurozone und von 6% im Vereinigten Königreich.

In diesem Fall könnte die FED zu einer Zinserhöhung gedrängt werden, versuche aber wohl, ihre Politik unverändert weiterzuverfolgen. Gleichzeitig könnten die EZB und auch die Bank of England gezwungen sein, über die nächsten Monate die Leitzinsen um 100 Basispunkte anzuheben. Ziel sei es zu verhindern, dass ein Energiepreisschock die mittelfristigen Inflationserwartungen aus den Angeln hebe.

Dieses ungünstige Szenario dürfte wohl die Staatskassen zusätzlich belasten - durch sinkende Steuereinnahmen, Verbraucherschutzmaßnahmen gegen steigende Energiekosten und die dringliche Aufgabe, die Verteidigungsbudgets angesichts der instabilen internationalen Lage aufzustocken. Für Staatsanleihen bedeute das, dass die Renditen für alle Laufzeiten weiter steigen könnten. Auch für risikoreichere Anlageklassen dürfte dann eine deutlichere Neubewertung anstehen.

Eine solche Neubewertung habe sich an den Zinsmärkten bereits vollzogen. Bei Aktien und Unternehmensanleihen dagegen seien die Bewegungen im Vergleich dazu moderat gewesen. Diese Entwicklung lasse sich zum Teil durch die Ereignisse des letzten Jahres erklären. Die Kehrtwende in der Geldpolitik im April 2025 sei der Auslöser für anhaltend steigende Kurse gewesen.

Über die Lage im Nahen Osten hinaus beschäftige die Märkte weiterhin eine zunehmende Anspannung im Bereich der Private Assets. Angesichts des hohen Leverage sei zu beobachten, dass die seit 2022 gestiegenen Zinsen und somit Kreditkosten den freien Cashflow aufzehrten. Dadurch könnten die betroffenen Unternehmen weniger Gewinne erwirtschaften, was wiederum ihre Chance auf einen Börsengang beeinträchtige.

Private Assets steckten in der Sackgasse, und es brauche nicht mehr viel, bis Wertminderungen auf der Tagesordnung stünden. Bei Ausfallquoten von über 5% und weiteren 20% im Bereich der Payment-in-Kind-Variante, bei der keine Kupons gezahlt würden, baue sich der Druck bereits seit einiger Zeit auf.

Nun aber habe sich der geldpolitische Wind gedreht, und statt Zinssenkungen werde eher eine Straffung erwartet - eine toxische Situation für übermäßig verschuldete Kreditnehmer, die die Private Market zusätzlich belaste. Und das zu einer Zeit, in der Abschreibungen auf das Portfolio die Stimmung gegenüber dieser Anlageklasse ohnehin trübten.

Dennoch dürfte ein größerer Einbruch auf den Private Markets unserer Ansicht nach keine systemischen Folgen haben, da die Investorenbasis diversifiziert sei und über einen längeren Zeitraum in den Investments gebunden bleibe. An den Börsen könnte es zu Emissionsdruck kommen, da einige Emittenten wieder Kredite und Anleihen begeben würden, wenn die Nachfrage nach nicht-börsengehandelten Vermögenswerten versiege. Das könnte die Spreads belasten.

Es sei zudem wahrscheinlich, dass eine Korrektur größeren Ausmaßes an den Private Markets die Bilanzen der US-Banken aufgrund ihres Exposures belaste. Europäische Banken schienen besser positioniert zu sein.

Ausblick

Höhere Öl- und Gaspreise hätten bereits weltweit wirtschaftliche Auswirkungen. Inflationsprognosen würden nach oben und Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Hinzu kämen die ukrainischen Angriffe auf russische Häfen, die bis zu 40% der potenziellen Ölexportlieferungen ausmachten. Die Ukraine wolle sicherstellen, dass Russland sich nicht als Kriegsgewinner präsentieren könne, wenn höhere Rohölpreise die Staatskassen füllten.

Die durch die Energiepreise erzeugte Belastung der Wirtschaft werde möglicherweise nicht in allen Ländern im selben Ausmaß zu spüren sein, weil manche Staaten zum Schutz des Inlandsmarkts über Force-Majeure-Klauseln ihre Exporte begrenzen könnten. Hinzu kämen wahrscheinlich schwächere Ernten aufgrund von Engpässen bei der Düngemittelversorgung – ein Risiko für steigende Lebensmittel-Inflation.

Gleichzeitig könnte ein Heliummangel die Produktion von High-End-Chips beeinträchtigen und zu Engpässen führen, was sich ebenfalls in geringerem Wachstum und höheren Preisen niederschlagen würde.

Angesichts einer Flut widersprüchlicher Informationen sei es schwierig, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Vielleicht seien Trumps Behauptungen über Fortschritte in den Verhandlungen ein Ablenkungsmanöver, um Zeit zu gewinnen, während er Truppen für einen Angriff zusammenziehe. Vielleicht sei der Iran stärker an einer Einigung und an der Beendigung des Konflikts interessiert, als er derzeit behaupte.

Vor diesem Hintergrund sei es verständlich, dass die Märkte das Gefühl hätten, auf Messers Schneide zu stehen. Selbst US-Kommentatoren stünden den Äußerungen ihres eigenen Oberbefehlshabers mitten im Krieg skeptisch gegenüber.

Heute möchten eindeutige Antworten schwer zu finden sein, doch in den nächsten Tagen dürfte sich Vieles klären. Bis dahin sei es sinnvoll, abzuwarten; uns falle jedoch auf, dass die Anleihemärkte einen Inflationsschock bislang deutlich schneller eingepreist hätten als Risikoanlagen den Wachstumsschock. Mit Blick auf die Zukunft könnte sich dies in einem ungünstigeren Szenario durchaus umkehren. (27.03.2026/ac/a/m)







 
 
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