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New York (www.aktiencheck.de) - Vor sechs Monaten hatten Value-Investoren gut reden, so Eli Salzmann und David Levine, Portfolio Manager bei Neuberger Berman.
Nach dem Ende der Lockdowns sei die Weltwirtschaft stark angewachsen, mit den USA an der Spitze. Man habe mit einer höheren Inflation und dem Ende der Nullzinspolitik gerechnet.
Wer als Antwort auf ein Jahrzehnt mit schwachem Wirtschaftswachstum auf Wachstumswerte gesetzt habe, oder angesichts der niedrigen Leitzinsen weiterhin auf hohe zukünftige Gewinne spekuliert habe, habe nun nach einem Ausstieg zu suchen begonnen. Aber was sei die Alternative gewesen? Wohl kaum passive "Core"-Indexanlagen, da die Märkte von einer Handvoll extrem erfolgreicher Wachstumswerte bestimmt würden. Stattdessen hätten Investoren auf Value gesetzt. Hier hätten sich konjunktursensitive Unternehmen finden lassen, die von der Erholung profitieren würden - weniger zinssensitive, günstig bewertete Titel für eine Zeit voller spekulativer Übertreibungen.
Günstige Bedingungen für Substanzwerte
Die Fondsmanager von Neuberger Berman hätten diese Argumentation immer für etwas zu einfach gehalten. Ende 2021 sei die Inflation höher, hartnäckiger und umfassender gewesen als oft prognostiziert. Immer häufiger sei befürchtet worden, dass die Teuerung außer Kontrolle geaten sei oder die Notenbanken gezwungen sein würden, mit einer massiven Straffung der Geldpolitik das Wachstum zu bremsen. Die große Sorge sei gewesen, dass die FED selbst nach einem Abschwung die Zinsen weiter anheben müsste. Die Märkte seien volatiler geworden.
Bei Neuberger Berman habe man damit bereits gerechnet und sich entsprechend positioniert. Der Vermögensverwalter bleibe bei der Annahme, dass es gute Gründe für Substanzwerte gebe - obwohl der Krieg in der Ukraine das Wirtschaftswachstum dämpfen, die Inflation treiben und für mehr Volatilität sorgen könne. Er rechne weiterhin mit schwierigen Zeiten für Wachstumswerte und günstigen Bedingungen für Value.
Schlechte Aussichten für Wachstumswerte
Warum sollte eine schwächere Konjunktur Wachstumswerten aber nicht nützen? Dafür gebe es zwei Gründe: Erstens dürfte in diesem Konjunkturzyklus vielleicht erstmals seit 40 Jahren ein schwächeres Wachstum nicht die Inflation dämpfen und damit auch nicht für niedrigere Zinsen sorgen. Die FED möge ihren Kampf gegen die Teuerung verlieren, jedoch sei es schwer vorstellbar, dass sie es nicht erst einmal mit Zinserhöhungen versuche. Höhere Zinsen würden allerdings zwangsläufig niedrigere Bewertungen für Aktien mit einer langen Duration bedeuten - also für Wachstumswerte.
Zweitens würden die Fondsmanager bei Neuberger Berman hochkapitalisierte amerikanische Wachstumswerte noch immer für stark überbewertet halten - obwohl sie in diesem Jahr bereits um über zehn Prozentpunkte hinter Substanzwerten zurückgeblieben seien. Ein wichtiger Indikator seien in den Augen des Vermögensverwalters der Unterschied zwischen den Kurs-Buchwert-Verhältnissen des Russell 1000 Growth und des Russell 1000 Value. Die Differenz sei heute sogar noch wesentlich größer als auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase.
Schutz vor Zinsen und Volatilität
Würden jetzt also alle klassischen Value-Aktien vorn liegen? Wohl kaum. Es sei schwer vorstellbar, dass konjunktursensitive Unternehmen generell mehr verdienen würden, wenn das Wachstum schwächele und die Faktor- und Arbeitskosten steigen würden. Finanzwerte bekämen außerdem Probleme bei einer flachen oder inversen Zinsstrukturkurve.
Manche Substanzwerte seien aber durchaus spannend, vor allem angesichts der Übertreibungen bei spekulativen Wachstumstiteln. Einige defensive Aktien halte Neuberger Berman für unterbewertet. Nur selten seien Cashflow-starke Qualitätsunternehmen aus den Sektoren Gesundheit, Versorger und Konsumverbrauchsgüter - wie Procter & Gamble - so günstig bewertet, dass sie auch für disziplinierte Value-Manager infrage kämen.
Jahrelang hätten viele Investoren unabhängig von den Bewertungen auf Wachstumstitel gesetzt und dabei schlichtweg übersehen, wie gut diese Unternehmen und ihre Alltagsprodukte seien. Auch ihre regelmäßigen Cashflows und hohen Dividenden würden vor steigenden Zinsen und Marktvolatilität schützen.
Neustart der Wirtschaft
Hinzu komme ein weiterer Punkt: Obwohl dieses Jahr ein niedrigeres Wachstum erwartet werde, rechne man bei Neuberger Berman noch immer damit, dass die Weltwirtschaft Corona jetzt überwinde. Der Vermögensverwalter sehe darin eine Chance.
Viele Reise- und Freizeitunternehmen würden günstig bewertet erscheinen, ebenso wie Nischenanbieter, die vom Neustart profitieren würden - etwa Hersteller von Orthopädietechnik. Manche Unternehmen mögen zwar zyklisch sein, aber nach den Lockdowns seien ihre Aktien billig.
In den nächsten Jahren werde man sich wohl mit niedrigeren und volatileren Aktienerträgen abfinden müssen als in den letzten drei Jahren. Und doch sei ein Mehrertrag von Value gegenüber Growth zu erwarten, wobei kurzfristig vor allem defensive Substanzwerte und Firmen interessant schienen, die vom Neustart der Wirtschaft profitieren würden.
Mit dem derzeitigen Inflations- und Zinsumfeld und dem damit einhergehenden schwächeren Wirtschaftswachstum rechne Neuberger Berman schon länger und habe sich entsprechend positioniert. Der Krieg in der Ukraine verschärfe diese Risiken auf tragische Weise. Einstweilen reiche das nicht, damit sich die Einschätzung des Vermögensverwalters ändere. Dennoch sollte die Lage genau im Blick behalten werden. (17.03.2022/ac/a/m)
Nach dem Ende der Lockdowns sei die Weltwirtschaft stark angewachsen, mit den USA an der Spitze. Man habe mit einer höheren Inflation und dem Ende der Nullzinspolitik gerechnet.
Wer als Antwort auf ein Jahrzehnt mit schwachem Wirtschaftswachstum auf Wachstumswerte gesetzt habe, oder angesichts der niedrigen Leitzinsen weiterhin auf hohe zukünftige Gewinne spekuliert habe, habe nun nach einem Ausstieg zu suchen begonnen. Aber was sei die Alternative gewesen? Wohl kaum passive "Core"-Indexanlagen, da die Märkte von einer Handvoll extrem erfolgreicher Wachstumswerte bestimmt würden. Stattdessen hätten Investoren auf Value gesetzt. Hier hätten sich konjunktursensitive Unternehmen finden lassen, die von der Erholung profitieren würden - weniger zinssensitive, günstig bewertete Titel für eine Zeit voller spekulativer Übertreibungen.
Günstige Bedingungen für Substanzwerte
Die Fondsmanager von Neuberger Berman hätten diese Argumentation immer für etwas zu einfach gehalten. Ende 2021 sei die Inflation höher, hartnäckiger und umfassender gewesen als oft prognostiziert. Immer häufiger sei befürchtet worden, dass die Teuerung außer Kontrolle geaten sei oder die Notenbanken gezwungen sein würden, mit einer massiven Straffung der Geldpolitik das Wachstum zu bremsen. Die große Sorge sei gewesen, dass die FED selbst nach einem Abschwung die Zinsen weiter anheben müsste. Die Märkte seien volatiler geworden.
Bei Neuberger Berman habe man damit bereits gerechnet und sich entsprechend positioniert. Der Vermögensverwalter bleibe bei der Annahme, dass es gute Gründe für Substanzwerte gebe - obwohl der Krieg in der Ukraine das Wirtschaftswachstum dämpfen, die Inflation treiben und für mehr Volatilität sorgen könne. Er rechne weiterhin mit schwierigen Zeiten für Wachstumswerte und günstigen Bedingungen für Value.
Schlechte Aussichten für Wachstumswerte
Warum sollte eine schwächere Konjunktur Wachstumswerten aber nicht nützen? Dafür gebe es zwei Gründe: Erstens dürfte in diesem Konjunkturzyklus vielleicht erstmals seit 40 Jahren ein schwächeres Wachstum nicht die Inflation dämpfen und damit auch nicht für niedrigere Zinsen sorgen. Die FED möge ihren Kampf gegen die Teuerung verlieren, jedoch sei es schwer vorstellbar, dass sie es nicht erst einmal mit Zinserhöhungen versuche. Höhere Zinsen würden allerdings zwangsläufig niedrigere Bewertungen für Aktien mit einer langen Duration bedeuten - also für Wachstumswerte.
Schutz vor Zinsen und Volatilität
Würden jetzt also alle klassischen Value-Aktien vorn liegen? Wohl kaum. Es sei schwer vorstellbar, dass konjunktursensitive Unternehmen generell mehr verdienen würden, wenn das Wachstum schwächele und die Faktor- und Arbeitskosten steigen würden. Finanzwerte bekämen außerdem Probleme bei einer flachen oder inversen Zinsstrukturkurve.
Manche Substanzwerte seien aber durchaus spannend, vor allem angesichts der Übertreibungen bei spekulativen Wachstumstiteln. Einige defensive Aktien halte Neuberger Berman für unterbewertet. Nur selten seien Cashflow-starke Qualitätsunternehmen aus den Sektoren Gesundheit, Versorger und Konsumverbrauchsgüter - wie Procter & Gamble - so günstig bewertet, dass sie auch für disziplinierte Value-Manager infrage kämen.
Jahrelang hätten viele Investoren unabhängig von den Bewertungen auf Wachstumstitel gesetzt und dabei schlichtweg übersehen, wie gut diese Unternehmen und ihre Alltagsprodukte seien. Auch ihre regelmäßigen Cashflows und hohen Dividenden würden vor steigenden Zinsen und Marktvolatilität schützen.
Neustart der Wirtschaft
Hinzu komme ein weiterer Punkt: Obwohl dieses Jahr ein niedrigeres Wachstum erwartet werde, rechne man bei Neuberger Berman noch immer damit, dass die Weltwirtschaft Corona jetzt überwinde. Der Vermögensverwalter sehe darin eine Chance.
Viele Reise- und Freizeitunternehmen würden günstig bewertet erscheinen, ebenso wie Nischenanbieter, die vom Neustart profitieren würden - etwa Hersteller von Orthopädietechnik. Manche Unternehmen mögen zwar zyklisch sein, aber nach den Lockdowns seien ihre Aktien billig.
In den nächsten Jahren werde man sich wohl mit niedrigeren und volatileren Aktienerträgen abfinden müssen als in den letzten drei Jahren. Und doch sei ein Mehrertrag von Value gegenüber Growth zu erwarten, wobei kurzfristig vor allem defensive Substanzwerte und Firmen interessant schienen, die vom Neustart der Wirtschaft profitieren würden.
Mit dem derzeitigen Inflations- und Zinsumfeld und dem damit einhergehenden schwächeren Wirtschaftswachstum rechne Neuberger Berman schon länger und habe sich entsprechend positioniert. Der Krieg in der Ukraine verschärfe diese Risiken auf tragische Weise. Einstweilen reiche das nicht, damit sich die Einschätzung des Vermögensverwalters ändere. Dennoch sollte die Lage genau im Blick behalten werden. (17.03.2022/ac/a/m)
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