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Droht der Börsen-Crash im Herbst?




10.09.20 11:40
Neuberger Berman

New York (www.aktiencheck.de) - In seinem aktuellen Marktkommentar warnt Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities beim US-amerikanischen Vermögensverwalter Neuberger Berman, vor einem ereignisreichen Herbst, der die Aktienmärkte zum Einsturz bringen könnte.

Die Zahlen lägen vor: Die US-Wirtschaft sei seit Beginn der Erhebungen noch nie so schwach gewesen wie im 2. Quartal 2020. Und doch seien S&P 500 (ISIN US78378X1072/ WKN A0AET0) und NASDAQ (ISIN XC0009694271/ WKN 969427) auf neue Hoch gestiegen. Mittlerweile habe der NASDAQ seit Jahresbeginn um etwa ein Drittel zugelegt.

Als die Kurse letzte Woche dann gefallen seien, hätten sich die Anleger gefragt, ob sich der Markt jetzt wieder an den wirtschaftlichen Realitäten orientiere - oder folge die Wirtschaft vielleicht dem Markt?

Die Vergangenheit könnte durchaus zur Vorsicht mahnen. September und Oktober seien oft die schwächsten Monate für US-Aktien gewesen. Auch wenn der S&P 500 seit 1900 in keinem Monat stärker gefallen sei als im November 1929 und im April 1932, seien zweistellige Verluste am häufigsten im Oktober zu beobachten gewesen, gefolgt vom September. In acht von 121 Jahren hätten Aktien im Oktober 10 Prozent und mehr verloren und seit 1900 hätten sie durchschnittlich 0,29 Prozent eingebüßt. Die schlimmsten Tage der Finanzkrise 2008/2009, der Schwarze Montag 1987 und die Bankenkrise 1907 - alle seien in den Oktober gefallen.

Tatsächlich sei der Herbst für die Finanzmärkte keine einfache Zeit - und 2020 könnte das erst recht so sein.

Noch wisse man nicht, wie die Wahlen in den USA ausgehen würden, aber schon jetzt könnte die amerikanische Politik die Märkte irritieren. Bei den Verhandlungen über ein neues Konjunkturpaket lägen Demokraten und Republikaner noch etwa 1 Billion US-Dollar auseinander, sodass vielleicht keine Einigung gelinge. Am Monatsende drohe ein Verwaltungsstillstand der Regierung, ein so genannter Government Shutdown. Das mache die Lage nicht einfacher und könnte für neuen Streit sorgen.

In Japan wiederum sei nach der langen Zeit der Stabilität und des Fortschritts unter Premierminister Shinzō Abe unklar, wer jetzt die Führung übernehme. Und in Europa sei es alles andere als sicher, ob sich Großbritannien und die EU bis Ende Oktober auf eine Neuregelung ihrer Beziehungen nach dem Brexit verständigen würden. Die schwierigen Themen würden Subventionen, einheitliche Regulierungen und Fischereirechte heißen.

Zusätzlich sollte man auch nicht vergessen, dass das Coronavirus noch nicht besiegt sei. Der Sommer habe bereits eine zweite Infektionswelle gebracht, als die Shutdowns gelockert worden seien. Die nächsten Risiken lägen auf der Hand: Das Ende der Sommerferien an den amerikanischen Schulen und Universitäten, die Rückkehr weiterer Menschen in ihre Büros, kälteres Wetter und Familienbesuche - insbesondere in den USA zu Thanksgiving am 26. November - sowie zu Weihnachten. Andererseits würden Wirtschaft und Märkte die Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen und Coronatherapien durchaus zu schätzen wissen.

Erschwert werde die Coronakrise dadurch, dass das Kurzarbeitergeld auslaufe und die gravierenden langfristigen Folgen von Covid-19 für den Arbeitsmarkt immer deutlicher würden. Es sei mehr als ein vorübergehender Schock, wie die anhaltend vielen Erstanträge auf Arbeitslosengeld in den USA und die jüngste Konsumzurückhaltung selbst bei Lebensmitteln und anderen Basisgütern zeigen würden.

Vielleicht bleibe deshalb nicht mehr viel Zeit, um sich über den besten August des S&P 500 seit 1984 zu freuen, der um 7 Prozent zugelegt habe. Doch der Ausverkauf letzte Woche sei vielleicht der erste Vorbote für einen unruhigen Herbst.

Dabei würden sich durchaus Argumente für die hohen Kurse finden lassen. Sobald ein Impfstoff existiere, könnte sich die Weltwirtschaft rasch erholen und die Notenbanken dürften noch länger auf eine expansive Geldpolitik setzen. Auch der schwache US-Dollar sei günstig, vor allem für die Märkte außerhalb der USA.

An der Spitze der Kursrally hätten große Technologiewerte gestanden, die von Langfristtrends profitieren würden. Wenn überhaupt, seien diese Trends durch den Wechsel ins Homeoffice und die verstärkten Onlinekäufe forciert worden. Die Bewertungen seien heute allerdings nicht so verrückt wie zu Zeiten der Dotcom-Blase vor 20 Jahren: Microsoft (ISIN US5949181045/ WKN 870747) möge jetzt zum 35-Fachen der für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gehandelt werden, aber 1999 und 2000 habe das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) etwa 65 betragen. Das KGV von Cisco Systems (ISIN US17275R1023/ WKN 878841), einem Highflyer jener Tage, sei damals sogar auf fast 130 gestiegen.

Und doch scheinen manche Aktien teuer, vor allem die von den Bullen bevorzugten Einzelhandelstitel, so die Experten von Neuberger Berman. Institutionelle Investoren scheinen Umfragen zufolge zwar recht konservativ positioniert zu sein, aber vor allem für Hedgefonds gelte das nicht unbedingt, so die Experten von Neuberger Berman.

Anleger sollten auch nicht vergessen, dass die großen Technologieunternehmen, deren Aktien in der letzten Woche so stark eingebrochen seien, von Demokraten und Republikanern gleichermaßen jetzt zu Sündeböcken erklärt worden seien. Der Vorsitzende des Unterausschusses für Kartell-, Handels und Verwaltungsrecht im US-Repräsentantenhaus habe angedeutet, dass man nächsten Monat die Ergebnisse zur dominierenden Marktstellung von Amazon (ISIN US0231351067/ WKN 906866), Apple (ISIN US0378331005/ WKN 865985), Facebook (ISIN US30303M1027/ WKN A1JWVX) und Google vorlegen wolle - ein weiterer Stolperstein für die Märkte in diesem Herbst.

All dies könnte erklären, weshalb die CBOE-Volatilitätsindices des S&P 500 und der NASDAQ trotz der neuen Kurshochs ebenfalls gestiegen seien. Die Investoren scheinen sich in den nächsten Wochen gegen Volatilität absichern zu wollen, so die Experten von Neuberger Berman. Den Märkten stehe vielleicht kein Absturz bevor, aber der Herbst stehe bevor - und es werde ein ereignisreicher Herbst. (10.09.2020/ac/a/m)








 
 
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