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Frankfurt (aktiencheck.de AG) - Für die heftigen Kurseinbrüche an den Aktienmärkten im August und September gab es mehrere Gründe: die Wachstumsdelle im Sommer, die Pattsituation in den Verhandlungen über eine Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA und die darauf folgende Herabstufung des US-Ratings von AAA auf AA+ durch Standard & Poor's, so John Greenwood, Chefvolkswirt der INVESCO Ltd., in seinem "Markt- und Wirtschaftsausblick 2012".
Seither hätten sich sowohl die von den staatlichen Institutionen erhobenen Wirtschaftsdaten als auch die Umfragedaten verbessert.
Bei der Bewertung des Verbesserungsgrads sollte bedacht werden, dass auch die im Dezember 2010 verabschiedeten Stimulusmaßnahmen (Verlängerung der Steuersenkungen der Bush-Regierung, Verlängerung der Arbeitslosenhilfe und Senkung der Lohnsteuer) sowie die zweite Runde der quantitativen Lockerungsmaßnahmen der US-Notenbank von November 2010 bis Juni 2011 die Wachstumsdelle nicht hätten verhindern können. Das verdeutliche, dass es weder der Fiskal- noch der Geldpolitik gelungen sei, die Wirtschaft anzukurbeln. Gegenüber den stärkeren Kräften der Entschuldung im privaten Sektor hätten sich die traditionellen makroökonomischen Instrumente als machtlos erwiesen.
Damit sei die Bilanzgesundung eines der stärksten Wachstumshemmnisse der Jahre 2010 und 2011. Auch in den nächsten Jahren würden die privaten Haushalte und der Finanzsektor voraussichtlich weiter mit dem Schuldenabbau beschäftigt sein. Eine kurzfristige Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität sei daher kaum zu erwarten.
Für erheblichen Gegenwind habe 2010 und 2011 zudem die Verschlechterung der "Terms of Trade", des realen Austauschverhältnisses zwischen exportierten und importierten Gütern gesorgt. Konkret habe sich dies in einem starken Anstieg der Preise für Energie-, Metall- und Nahrungsmittelimporte ausgedrückt, der vor allem durch die starke Nachfrage aus China und Indien sowie anderen Schwellenländern angetrieben worden sei.
Vor allem sei dadurch die Gesamtinflationsrate von durchschnittlich 1,6% im Jahr 2010 auf durchschnittlich 3,2% im Jahr 2011 angestiegen. Die Teuerung habe an den nominalen Lohn- und Gehaltssteigerungen gezehrt und zu einem Rückgang der realen Nettoeinkommen geführt. Dieses Phänomen habe sich keineswegs auf die USA beschränkt, sondern sei auch in vielen anderen Industrieländern zu beobachten gewesen.
Im Jahr 2012 rechne Greenwood mit einer Verlangsamung des Rohstoffpreisanstiegs. Vor dem Hintergrund der Rezession in Europa und der Wachstumsverlangsamung in China dürften die Preise einiger Rohstoffe sogar wieder sinken. In der Folge werde die US-Verbraucherpreisinflation von 3,2% im Jahr 2011 auf 2,1% (aktuelle Prognose Consensus Economics) oder sogar noch weniger im Jahr 2012 sinken. Dadurch könnten sich die realen Konsumausgaben in den USA wieder etwas erholen.
Der dritte Faktor, der das Wachstum der US-Wirtschaft in den letzten zwei Jahren gedämpft habe, sei die anhaltende Schwäche am Häusermarkt. Noch immer seien die Häuser von mehr als 22% aller Hypothekenschuldner weniger wert als die aufgenommenen Hypotheken ("negative equity"). Solange diese Verbraucher noch Schulden zurückzuzahlen hätten, würden sie kaum die Einkaufszentren stürmen. Zugleich habe das große Überangebot an Häusern den größten Teil des Jahres 2011 weiter auf die Hauspreise gedrückt. Aktuell würden dadurch pro Jahr lediglich rund 300.000 neue Einfamilienhäuser verkauft, verglichen mit 1 bis 1,3 Millionen in den Jahren 2003 bis 2006. Dementsprechend schwach seien auch die Beschäftigungssituation in der Bauindustrie und die Umsätze mit Baustoffen für den Hausbau.
In der Vergangenheit habe sich der Häusermarkt als gutes Barometer für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung erwiesen und eine wichtige Rolle in den BIP-Frühindikatoren gespielt. Wenn man diesem Indikator etwas Positives abgewinnen wolle, dann dass Eigenheime erschwinglicher geworden seien. Aufgrund des schwierigen Zugangs zu Kreditfinanzierungen sei die Zahl der potenziellen Käufer jedoch gering.
Nach der Wachstumsdelle im Sommer habe sich die US-Wirtschaft in den letzten vier Monaten des Jahres 2011 besser entwickelt. Im dritten Quartal habe das reale BIP-Wachstum auf 2,0% angezogen (annualisiert), verglichen mit 0,4% bzw. 1,3% im ersten und zweiten Quartal. Die Beschäftigungssituation außerhalb der Landwirtschaft habe sich verbessert: Im Zeitraum September bis November sei die Beschäftigung um durchschnittlich 143.000 pro Monat gestiegen, verglichen mit nur 76.000 pro Monat im Zeitraum Mai bis August. Die Gebrauchsgüteraufträge ohne volatile Transportaufträge - ein wichtiger Indikator der Unternehmensinvestitionen - seien weiter gestiegen, während das Handelsdefizit geschrumpft sei. Das alles seien Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft auf einen - zwar nicht besonders dynamischen, aber stetigen - Wachstumspfad eingeschwenkt sei.
Eine wichtige Frage laute: Warum würden Verschuldung und Haushaltsdefizit die USA anders als die Eurozone nicht in die Krise stürzen? Ganz einfach: Weil die USA das "exorbitante Privileg" genießen würden, dass ihre Währung die wichtigste Reservewährung der Welt sei. Solange China, Japan, die kleineren Volkswirtschaften Ostasiens und die OPEC weiter keine Aufwertung ihrer Währungen zulassen und zugleich Leistungsbilanzüberschüsse verzeichnen würden, würden sie unweigerlich weiter Devisenreserven anhäufen, die irgendwo investiert werden müssten. Ihre Optionen seien jedoch begrenzt. Solange die Staatsschuldenkrise in der Eurozone andauere, würden sie kaum Euros kaufen, und ihr Appetit auf Japanische Yen, Britische Pfund oder Schweizer Franken sei ebenfalls begrenzt. Im Grunde bleibe ihnen damit nur der US-Dollar.
Allein aus diesem Grund könnten sich die USA darauf verlassen, dass ausländische Investoren die Inlandsschulden weiter finanzieren würden und zwar zu niedrigeren Zinssätzen als (zum Beispiel) Griechenland oder Italien. Das Risiko für die USA bestehe darin, dass die hohe Verschuldung die Wirtschaft anfälliger für Bilanzrezessionen mache. Daher sei es so wichtig, die "globalen Ungleichgewichte" zu reduzieren, bevor eine neue Kreditblase entstehe.
Die tiefe Verankerung von zwei der drei beschriebenen Wachstumshemmnisse - dem allgemeinen Zwang zur Bilanzgesundung und seinen Folgen für kreditsensitive Sektoren wie dem Häusermarkt - mache die für viele Erholungen der Nachkriegszeit typische rasche Rückkehr der US-Wirtschaft zu Wachstumsraten von 3% bis 4% schlicht und einfach unmöglich. Daher sei mit einer anhaltend unterdurchschnittlichen Erholung zu rechnen. Greenwood gehe von einem realen BIP-Wachstum von lediglich 2,0% im Jahr 2012 aus. Die Jahresrate der Verbraucherpreisinflation dürfte auf 1,4% sinken. (Jahresausblick 2012 vom 15.12.2011) (09.01.2012/ac/a/m)
Seither hätten sich sowohl die von den staatlichen Institutionen erhobenen Wirtschaftsdaten als auch die Umfragedaten verbessert.
Bei der Bewertung des Verbesserungsgrads sollte bedacht werden, dass auch die im Dezember 2010 verabschiedeten Stimulusmaßnahmen (Verlängerung der Steuersenkungen der Bush-Regierung, Verlängerung der Arbeitslosenhilfe und Senkung der Lohnsteuer) sowie die zweite Runde der quantitativen Lockerungsmaßnahmen der US-Notenbank von November 2010 bis Juni 2011 die Wachstumsdelle nicht hätten verhindern können. Das verdeutliche, dass es weder der Fiskal- noch der Geldpolitik gelungen sei, die Wirtschaft anzukurbeln. Gegenüber den stärkeren Kräften der Entschuldung im privaten Sektor hätten sich die traditionellen makroökonomischen Instrumente als machtlos erwiesen.
Damit sei die Bilanzgesundung eines der stärksten Wachstumshemmnisse der Jahre 2010 und 2011. Auch in den nächsten Jahren würden die privaten Haushalte und der Finanzsektor voraussichtlich weiter mit dem Schuldenabbau beschäftigt sein. Eine kurzfristige Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität sei daher kaum zu erwarten.
Für erheblichen Gegenwind habe 2010 und 2011 zudem die Verschlechterung der "Terms of Trade", des realen Austauschverhältnisses zwischen exportierten und importierten Gütern gesorgt. Konkret habe sich dies in einem starken Anstieg der Preise für Energie-, Metall- und Nahrungsmittelimporte ausgedrückt, der vor allem durch die starke Nachfrage aus China und Indien sowie anderen Schwellenländern angetrieben worden sei.
Vor allem sei dadurch die Gesamtinflationsrate von durchschnittlich 1,6% im Jahr 2010 auf durchschnittlich 3,2% im Jahr 2011 angestiegen. Die Teuerung habe an den nominalen Lohn- und Gehaltssteigerungen gezehrt und zu einem Rückgang der realen Nettoeinkommen geführt. Dieses Phänomen habe sich keineswegs auf die USA beschränkt, sondern sei auch in vielen anderen Industrieländern zu beobachten gewesen.
Der dritte Faktor, der das Wachstum der US-Wirtschaft in den letzten zwei Jahren gedämpft habe, sei die anhaltende Schwäche am Häusermarkt. Noch immer seien die Häuser von mehr als 22% aller Hypothekenschuldner weniger wert als die aufgenommenen Hypotheken ("negative equity"). Solange diese Verbraucher noch Schulden zurückzuzahlen hätten, würden sie kaum die Einkaufszentren stürmen. Zugleich habe das große Überangebot an Häusern den größten Teil des Jahres 2011 weiter auf die Hauspreise gedrückt. Aktuell würden dadurch pro Jahr lediglich rund 300.000 neue Einfamilienhäuser verkauft, verglichen mit 1 bis 1,3 Millionen in den Jahren 2003 bis 2006. Dementsprechend schwach seien auch die Beschäftigungssituation in der Bauindustrie und die Umsätze mit Baustoffen für den Hausbau.
In der Vergangenheit habe sich der Häusermarkt als gutes Barometer für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung erwiesen und eine wichtige Rolle in den BIP-Frühindikatoren gespielt. Wenn man diesem Indikator etwas Positives abgewinnen wolle, dann dass Eigenheime erschwinglicher geworden seien. Aufgrund des schwierigen Zugangs zu Kreditfinanzierungen sei die Zahl der potenziellen Käufer jedoch gering.
Nach der Wachstumsdelle im Sommer habe sich die US-Wirtschaft in den letzten vier Monaten des Jahres 2011 besser entwickelt. Im dritten Quartal habe das reale BIP-Wachstum auf 2,0% angezogen (annualisiert), verglichen mit 0,4% bzw. 1,3% im ersten und zweiten Quartal. Die Beschäftigungssituation außerhalb der Landwirtschaft habe sich verbessert: Im Zeitraum September bis November sei die Beschäftigung um durchschnittlich 143.000 pro Monat gestiegen, verglichen mit nur 76.000 pro Monat im Zeitraum Mai bis August. Die Gebrauchsgüteraufträge ohne volatile Transportaufträge - ein wichtiger Indikator der Unternehmensinvestitionen - seien weiter gestiegen, während das Handelsdefizit geschrumpft sei. Das alles seien Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft auf einen - zwar nicht besonders dynamischen, aber stetigen - Wachstumspfad eingeschwenkt sei.
Eine wichtige Frage laute: Warum würden Verschuldung und Haushaltsdefizit die USA anders als die Eurozone nicht in die Krise stürzen? Ganz einfach: Weil die USA das "exorbitante Privileg" genießen würden, dass ihre Währung die wichtigste Reservewährung der Welt sei. Solange China, Japan, die kleineren Volkswirtschaften Ostasiens und die OPEC weiter keine Aufwertung ihrer Währungen zulassen und zugleich Leistungsbilanzüberschüsse verzeichnen würden, würden sie unweigerlich weiter Devisenreserven anhäufen, die irgendwo investiert werden müssten. Ihre Optionen seien jedoch begrenzt. Solange die Staatsschuldenkrise in der Eurozone andauere, würden sie kaum Euros kaufen, und ihr Appetit auf Japanische Yen, Britische Pfund oder Schweizer Franken sei ebenfalls begrenzt. Im Grunde bleibe ihnen damit nur der US-Dollar.
Allein aus diesem Grund könnten sich die USA darauf verlassen, dass ausländische Investoren die Inlandsschulden weiter finanzieren würden und zwar zu niedrigeren Zinssätzen als (zum Beispiel) Griechenland oder Italien. Das Risiko für die USA bestehe darin, dass die hohe Verschuldung die Wirtschaft anfälliger für Bilanzrezessionen mache. Daher sei es so wichtig, die "globalen Ungleichgewichte" zu reduzieren, bevor eine neue Kreditblase entstehe.
Die tiefe Verankerung von zwei der drei beschriebenen Wachstumshemmnisse - dem allgemeinen Zwang zur Bilanzgesundung und seinen Folgen für kreditsensitive Sektoren wie dem Häusermarkt - mache die für viele Erholungen der Nachkriegszeit typische rasche Rückkehr der US-Wirtschaft zu Wachstumsraten von 3% bis 4% schlicht und einfach unmöglich. Daher sei mit einer anhaltend unterdurchschnittlichen Erholung zu rechnen. Greenwood gehe von einem realen BIP-Wachstum von lediglich 2,0% im Jahr 2012 aus. Die Jahresrate der Verbraucherpreisinflation dürfte auf 1,4% sinken. (Jahresausblick 2012 vom 15.12.2011) (09.01.2012/ac/a/m)










