Thielert: Interview mit Vorstandschef Frank Thielert




09.11.05 11:12
aktiencheck.de

Die Thielert AG (ISIN DE0006052079 / WKN 605207) ist hochprofitabel. Im Geschäftsjahr 2004 erzielte der Flugzeugmotorenbauer einen Konzern-Umsatz von 24,2 Mio. Euro (2003: 15,0 Mio. Euro) und ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 11,3 Mio. Euro (2003: 10,0 Mio. Euro). aktiencheck.de führte folgendes Interview mit Herrn Frank Thielert, dem Vorstandschef der Thielert AG:

aktiencheck.de: Wie schafft es die Thielert AG ausgerechnet am Standort Deutschland in der forschungsintensiven Flugzeugindustrie solch attraktive Margen zu erzielen?

Frank Thielert: Der Standort Deutschland lebt nach wie vor von seinen qualifizierten Mitarbeitern. In einem Nischenmarkt wie unserem merkt man das ganz besonders. Nur diese Qualifikation sichert unsere Prozesse in der Produktion und Entwicklung. Attraktive Margen können wir erzielen, weil wir in unserem Markt für die Flugmotoren nicht allein auf Neuentwicklung gesetzt haben, sondern im Gegensatz zu unserem Wettbewerb moderne Automobiltechnologie für unsere Motoren übernommen haben. 70 Prozent der Teile für unseren Flugmotor kaufen wir in der Automobilindustrie ein. Das reduzierte die Entwicklungskosten im Verhältnis enorm und wir können dadurch moderne Technologie in einer Branche anbieten, die sich technologisch aufgrund geringer Stückzahlen seit Jahrzehnten nicht entwickelt hat. Das bedeutet Technologieführerschaft in unserem Markt und attraktive Margen für unsere zukünftigen Aktionäre.

aktiencheck.de: Besonders Wachstumsstark ist Ihr Geschäftsbereich Aircraft Engines. Hier stieg der Umsatz von 3,9 Mio. Euro in 2003 auf 14,3 Mio. Euro in 2004, eine stattliche Steigerung von 269,7%. In den ersten neun Monaten diesen Jahres lag das Wachstum bei 62% auf 13,9 Mio. Euro. Welche Erwartungen haben Sie für das Gesamtjahr? Wie sind die Wachstumsaussichten für die kommenden Jahre?

Frank Thielert: Unser Geschäftssegment "Aircraft Engines", dass alle zertifizierten Flugmotoren und Komponenten einschließt, hat sich seit dem Markteintritt extrem gut entwickelt. Unser Markteintritt ist 2003 erfolgt und war zunächst auf Europa begrenzt. Mehr als 80 Prozent des Marktes sind allerdings außerhalb von Europa. Deswegen wollen wir uns nun verstärkt auf dem weltgrößten Markt, den USA, engagieren. Wir rechnen deshalb auch weiterhin mit zweistelligen Wachstumsraten - denn das Produkt ist fertig entwickelt, bereits in der Praxis erprobt und in den USA zugelassen.

aktiencheck.de: Im Bereich der Wehrtechnik beliefern sie der US-amerikanische Rüstungsunternehmen General Atomics mit Motoren für unbemannte Flugzeuge. Wie gelingt es ausgerechnet einem Mittelständler aus dem bei der amerikanischen Rüstungslobby derzeit nicht gerade beliebten Deutschland an die US-Rüstungsetats zu gelangen? Hat die fehlende Präsenz Deutschlands im Irak-Krieg die Beziehungen zu den US-Unternehmen belastet?

Frank Thielert: Das US-amerikanische Verteidigungsministerium und auch die NATO wollen die Kraftstoffvielfalt reduzieren. Die entsprechende Direktive ist unter dem Namen "Single-fuel-for-the-battlefield" bekannt. Die Wahl ist auf den Dieselkraftstoff gefallen. Derzeit sind wir die einzigen, die einen Dieselmotor für kleine Flugzeuge anbieten. Auch die meisten UAV sind kleine Flugzeuge. Die Zusammenarbeit dient sich somit an, da wir zudem einen anderen europäischen Lieferanten ersetzen. Unsere US-Kunden verfolgen deswegen in erster Linie technische Ziele und nicht politische.

aktiencheck.de: Die Thielert AG will den Emissionserlös vor allem zur Finanzierung des weiteren Wachstums nutzen. Dazu zählt Thielert insbesondere Neuentwicklungen zur Erweiterung der CENTURION-Motorenfamilie und den Ausbau der Produktionskapazitäten. Welche Zielmärkte avisiert Thielert mit den neuen Motoren, welches Marktpotenzial haben die neuen Märkte und sind durch die Entwicklungskosten zunächst Belastungen des Ergebnis zu erwarten?

Frank Thielert: Natürlich wollen wir unsere Centurion-Motorenfamilie komplettieren. Für zwei Leistungsklassen bieten wir schon jetzt Motoren an, deren Entwicklung abgeschlossen bzw. nahezu abgeschlossen sind. Wir sind also in einer Situation, dass wir verhältnismäßig geringe Entwicklungskosten aufbringen müssen, um dieses strategische Ziel zu erreichen. Nicht zu vergessen ist, dass wir über unser zweites Geschäftsfeld "Technology & Prototyping" Entwicklungsleistungen verkaufen, von denen wir intern profitieren.

aktiencheck.de: Ihre Expansion in die USA wollen Sie ohne eigene Vertriebsmannschaft forcieren und stattdessen auf Kooperationen mit OEMs setzen. Stehen die Partner schon fest und welches Umsatzpotenzial messen Sie dieser Zusammenarbeit zu?

Frank Thielert: In den USA werden wir den Markteintritt auf jeden Fall als Kooperation mit einem Flugzeughersteller gestalten. Wir können derzeit allerdings keine Aussagen hinsichtlich des Potenzials machen, da das Rückschlüsse auf die Marktposition unseres Partners zulässt. Wir sind an Geheimhaltungsvereinbarungen von unseren Kunden gebunden. Vertrauen zwischen Kunden und Lieferanten spielt in einem kleinem Markt wie unserem eine große Rolle.

aktiencheck.de: Das Unternehmen will zusätzliche geografische und Produktmärkte erschließen, sowohl im zivilen als auch im wehrtechnischen Bereich, sowie den weltweit mit Abstand größten US-amerikanischen Markt. Sie haben berichtet, dass Sie mit allen großen amerikanischen Rüstungsherstellern in Kontakt stehen. Für wann rechnen Sie mit weiteren Aufträgen aus der Rüstungsindustrie und welche Umsatzvolumina erwarten Sie daraus?

Frank Thielert: Mit weiteren Aufträgen rechnen wir in Kürze. In diesem Jahr stieg der Anteil bis jetzt auf ca. 25 Prozent. Wir gehen von einem weiteren Wachstum aus.

aktiencheck.de: Die Thielert-Motoren sollen bis zu 60% der direkten Flugkosten einsparen. Welche positiven Umsatzeffekte erwarten Sie durch die weltweit steigenden Energiepreise?

Frank Thielert: Je teuerer der Kraftstoff wird, desto mehr lässt sich durch geringeren Verbrauch sparen. Wir rechnen mit steigenden Energiepreisen und so rechnen wir auch, dass unsere sparsamen Motoren sehr positiv zum Umsatz beitragen.

aktiencheck.de: Sie weisen im Verkaufsprospekt auf Ihre starke Abhängigkeit von der DaimlerChrysler AG als Zulieferer hin. Welche Bedeutung haben die von der DaimlerChrysler AG gelieferten Komponenten. Welchen Anteil an den Gesamtkosten der Motoren machen diese Komponenten aus?

Frank Thielert: Wie Sie wissen, müssen wir in einem Wertpapierprospekt auf alle Risiken hinweisen. Hinsichtlich DC können wir auf ein gewachsenes und gesundes Verhältnis schauen. Dennoch ist die Abhängigkeit nicht so hoch, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn die 30 Prozent der Komponenten, die wir für den Motor selbst fertigen, machen 70 Prozent der Gesamtkosten aus. In Hinsicht auf die Kosten sind wir folglich in erster Linie von uns selbst abhängig.

aktiencheck.de: Sie haben berichtet, der 4-Liter-Motor sei nun zugelassen und stehe vor der Serienproduktion. Wann geht der Motor in Serie und welche Stückzahlen und Umsätze erwarten Sie aus dessen Abverkauf in den kommenden zwei Jahren? Wie sicher ist der Erfolg dieser neuen Modellreihe?

Frank Thielert: Schon jetzt sind über die Hälfte aller Neuflugzeuge mit Motoren dieser Leistungsklasse ausgestattet. Wir sind mit den größten Flugzeugherstellern in den USA im Gespräch, den Motor in die Erstausstattung zu nehmen. Wir sind sicher, dass unser Centurion 4.0 bei Neuflugzeugen eine ähnlich starke Rolle spielen wird, wie unser Centurion 1.7 in der niedrigeren Leistungklasse. Die Nachfrage von Seiten der Endverbraucher, also der Charterer und Privatpiloten beispielsweise, ist sehr groß.

aktiencheck.de: Sie planen darüber hinaus die Entwicklung eines ganz neuen 3-Liter-Motors. Wie hoch veranschlagen Sie die Entwicklungskosten für den neuen Motor. Welches Marktpotenzial räumen Sie dieser Neuentwicklung ein und für wann erwarten Sie die ersten Umsätze dieses Motors?

Frank Thielert: Die Entwicklungskosten für diesen Motor, der unsere Produktfamilie komplettiert, werden unter 10 Millionen Euro betragen. Also genauso wie bei unserem Centurion 4.0. Das Potenzial für den Gesamtmarkt von Kolbenflugmotoren beträgt für diesen Motor knapp 30 Prozent. Umsätze mit diesem Motor erwarten wir mittelfristig. Die Entwicklung wird schließlich auch mit den Erlösen des Börsengangs vorangetrieben.

aktiencheck.de: Einer Ihrer Mitbewerber sieht sich Schadensersatzforderungen von 90 Mio. USD ausgesetzt. Welche Haftungsrisiken sehen Sie für die Thielert AG. Gibt es Möglichkeiten sich gegen mögliche Haftungsrisiken abzusichern?

Frank Thielert: Die beste Absicherung gegen Haftungsrisiken ist Qualität. Wir haben exzellente Mitarbeiter und eine zertifizierte Prozessdokumentation und -sicherheit. Darüber hinaus sind wir natürlich angemessen gegen diese Risiken versichert.

aktiencheck.de: Die Thielert AG ist Ihren Aussagen zufolge der einzige Flugzeugmotorenhersteller, der die NATO-Auflage "single-fuel-in-the-battlefield" erfüllt. Heißt dass, dass Sie in der Verteidigungsindustrie ohne Wettbewerb sind?

Frank Thielert: Ja. Besonders dann, wenn dieses Prinzip nicht nur eingefordert, sondern ausgeführt ist. Wir haben in unserem Bereich der Jet-Fuel-Kolbenflugmotoren einen Technologievorsprung von ca. 5 bis 6 Jahren. Nebenbei: unser Segment der von Ihnen genannten Verteidigungsindustrie ist in naher Zukunft auch ein ziviles, wenn unbemannte Flugzeuge z.B. für die Wetterbeobachtung wie bei Hurrikanen eingesetzt werden.

aktiencheck.de: Sie haben berichtet, der Markt für Flugzeugmotoren können in den kommenden Jahren von derzeit 2.200 auf bis zu 13.800 Motoren wachsen. Was macht Sie so optimistisch für den Markt für Flugzeugmotoren?

Frank Thielert: In den 70er Jahren wurden jährlich über 12.000 Flugzeuge verkauft. Wegen des US-Haftungsrechtes brachen diese Lieferzahlen Anfang der 80er komplett ein - tendierten gegen Null. Cessna, der größte Hersteller von Kleinflugzeugen weltweit, stellt vorübergehend die Produktion komplett ein. Mit der "General Aviation Revitalization Act" von 1994 wurde die Produkthaftung für die Flugzeughersteller reduziert. Nun ist der Bestand der Flugzeug über 30 Jahre alt. Und Neuflugzeuge von heute bieten häufig immer noch dieselbe Technik, wie diese alten Flugzeuge. Bester Nährboden zur Einführung neuer Technologien. Wir sehen schon bei unserem ersten Motor und unserem OEM-Kunden Diamond, dass moderne Technologie hinsichtlich der Motoren aber auch der Zelle oder Avionik die Wachstumstreiber in der Allgemeinen Luftfahrt sind.

aktiencheck.de: Zur Dividendenpolitik der Thielert AG haben Sie berichtet, dass darüber künftig die Hauptversammlung entscheide, Sie selbst würden aber an den Wachstumszielen des Unternehmens festhalten. Heißt dies, dass Sie in den kommenden Jahren gerne auf Ausschüttungen verzichten würden, um das Unternehmenswachstum zu beschleunigen?

Frank Thielert: Wir gehen an die Börse, um zu wachsen und um die Mittel zu haben, unseren Markt auch vollständig zu erschließen. Diese Wachstumspolitik ist durch unseren Technologievorsprung über Jahre gesichert. Damit das so bleibt, denke ich, dass die Hauptversammlung im Sinne des Wachstums entscheiden wird.

aktiencheck.de: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute auf dem Börsenparkett.








 
 
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