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Märchenstunde an den Märkten?




18.09.06 14:43
Schroders

London (aktiencheck.de AG) - Welches Märchen wird derzeit an den Märkten gespielt, "Goldlöckchen" oder "Die drei kleinen Schweinchen", fragt sich Curt Custard, Vorsitzender des Asset Allocation Komitee von Schroders.

Die Märkte selbst würden sich da nicht einig zu sein scheinen. So mancher Marktteilnehmer wünsche sich in der Hoffnung, dies möge die Federal Reserve von weiteren Zinserhöhungen abhalten, ein rückläufiges Wachstum. Dann rücke nämlich ein von Ausgeglichenheit geprägtes makroökonomisches Umfeld (Wachstum leicht unter der Trendrate, moderate Inflationsentwicklung und stabiler Arbeitsmarkt) in greifbare Nähe. Andererseits würden die Märkte auf den Spuren der drei kleinen Schweinchen zu wandeln scheinen, deren Immobilienvermögen von höheren Zinsen und sinkenden Immobilienpreisen umgeblasen werde. Diese Schweinchen hätten sich bis über beide Ohren verschuldet, um ihre Strohhäuser über Hypotheken mit variablen Zinssätzen zu finanzieren, und würden dem Märchen zufolge nun bald ohne Dach über dem Kopf dastehen.

Welches Szenario treffe also zu? Der Markt sei weiterhin volatil. Jede Meldung aus der Wirtschaft werde danach unter die Lupe genommen, ob sie Indizien für eines der Szenarios enthalte. Man dürfe sich hier nichts vormachen: Der US-Wohnimmobilienmarkt befinde sich in einem bedenklichen Zustand. Alle Indikatoren (Verkäufe, Baustarts, Baugenehmigungen) seien seit ihrem Spitzenstand um 10 Prozent gefallen. Die Entwicklung der Immobilienpreise in den USA befinde sich derzeit auf ihrem tiefsten Stand seit 1993 und werde aller Wahrscheinlichkeit nach noch weiter sinken.

Einige amerikanische Wohnungsbauaktien seien von ihren jüngsten Höchstständen bereits um 30 Prozent gefallen. Aber was bedeute das für die amerikanische und damit die Weltwirtschaft sowie die Märkte, an denen Risikowerte gehandelt würden? Bei jedem Markteinbruch gebe es Verlierer. In diesem Fall seien das die in der Bauindustrie Beschäftigten, die Hypothekenbanken und die Haushaltsgerätehersteller. Von diesen konkreten Sektoren abgesehen, sei die Situation allerdings weitaus weniger klar. Der Zusammenhang zwischen Wohnimmobilienpreisen und BIP-Wachstum in den USA sei bestenfalls schwach, über einen rollierenden Zehnjahreszeitraum sei die Korrelation sogar negativ.

Der Blick über den US-Markt hinaus biete allerdings Grund zu Optimismus. Sowohl Australien als auch Großbritannien hätten scharfe Korrekturen des Immobilienmarktes erlebt. In Großbritannien habe es sogar noch mehr Anlass zur Sorge gegeben, da sich der Markt überwiegend über variable Hypothekenzinsen finanziere, während die Zahl in den USA näher bei 25 Prozent liege. Trotz der Korrektur an den Wohnimmobilienmärkten habe sich der private Konsum weiterhin lebhaft entwickelt und es sei nicht zu wesentlichen Einbrüchen bei der Wirtschaftstätigkeit gekommen.

Woran liege das? Der Grund sei in der besonderen Natur des Vermögenswertes Immobilie zu suchen. Für die meisten Grundbesitzer sei ihr Haus keine Handelsware. Preisrückgänge würden daher in den meisten Fällen nur auf dem Papier stattfinden und sich erst dann bemerkbar machen, wenn das Haus zum Verkauf angeboten werde.

Auch außerhalb des Wohnimmobilienmarktes deute einiges auf eine nachlassende Dynamik der US-Konjunktur hin. Anzeichen für einen Kollaps gebe es jedoch nicht. Der als Frühindikator mit großem Interesse verfolgte ISM-Index sei weiterhin günstig. Von besonderer Bedeutung für die Federal Reserve sei die Tatsache, dass sich sowohl die Arbeitsmarkt- als auch die Inflationsaussichten zu stabilisieren scheinen würden. Mit jeder Wirtschaftsmeldung, die hinter den Konjunkturerwartungen zurückbleibe, würden sich die Zinserwartungen mäßigen. Die Aktien- und Anleihemärkte hätten davon zeitgleich profitiert.

Der Himmel stürze also nicht ein. Trotz einer gewissen Verlangsamung bleibe die globale Konjunktur robust. Tatsächlich müssten die meisten Notenbanken das Wachstum zügeln und nicht etwa die Zinsen senken. Zinspolitische Fehlentscheidungen seien natürlich nicht auszuschließen und die Schwächung des Immobilienmarktes könnte das Verbrauchervertrauen insgesamt lädieren. Nach der Einschätzung der Experten von Schroders sei das jedoch unwahrscheinlich.

Und schließlich seien die Ertragsdaten immer wieder für positive Überraschungen gut und auf zahlreichen Märkten seien die Bewertungen nach unten korrigiert worden. Damit würden sich die Bewertungen jetzt auf einem angemessenen Niveau bewegen und sollten einem massiven Rückgang entgegenstehen. Die Anleihenrenditen hätten ihren höchsten Stand bereits hinter sich, ein weiterer Faktor, der zu einer (wenn auch moderaten) Anpassung der Bewertungen auf dem Aktienmarkt beitrage. Märchenerzähler würden nun mal vom Geschichtenerzählen leben.

Die Experten von Schroders seien sicher, dass das Märchen vom Zusammenbruch der amerikanischen Verbrauchernachfrage ebenso enden werde wie das vom Jungen, der so lange "Wolf" gerufen habe, bis ihn niemand mehr ernst genommen habe. (18.09.2006/ac/a/m)








 
 

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