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Euro-Staatsschuldenkrise wird andauern




09.01.12 11:54
INVESCO

Frankfurt (aktiencheck.de AG) - Seit inzwischen 18 Monaten stehen die Märkte im Bann der Euro-Staatsschuldenkrise, so John Greenwood, Chefvolkswirt der INVESCO Ltd., in seinem "Markt- und Wirtschaftsausblick 2012".

Beschleunigt durch das Scheitern des ersten griechischen Rettungsplans im Mai 2010 habe sich die Krise ab März 2011 deutlich verschärft. Die seither stattgefundenen Treffen der Regierungschefs der Eurozone hätten mit der Abschlusserklärung des fünften Krisengipfels am 9. Dezember 2011 ihren Höhepunkt erreicht. In dieser Erklärung hätten sich die Regierungschefs zu zwei grundlegenden Ansätzen zur Stärkung der europäischen Währungsunion (EWU) verpflichtet.

Zum einen würden die einzelnen Länder zu einer disziplinierteren Fiskalpolitik verpflichtet. Konkret hätten sich die Regierungschefs auf nationale Verfassungsänderungen zur gesetzlichen Verankerung einer Begrenzung der strukturellen (konjunkturbereinigten) Neuverschuldung auf maximal 0,5% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geeinigt. Diese neue Schuldengrenze ersetze die alte, im mittlerweile diskreditierten Stabilitäts- und Wachstumspakt festgeschriebene 3%-Grenze für die Nettokreditaufnahme unabhängig von konjunkturellen Sondereinflüssen. Die Umsetzung des neuen "Haushaltspaktes" solle nach von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen nationalen Zeitplänen erfolgen und automatische Strafen für Defizitsünder umfassen. Die Gerichtsbarkeit liege beim Europäischen Gerichtshof.

Zweitens hätten sich die Regierungen auf die Stärkung der "Stabilisierungsinstrumente" oder Rettungsfonds geeinigt. Darunter verstünden sie eine "rasche Umsetzung" des EFSF-Hebels (EFSF = Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) und die vorgezogene Einrichtung eines permanenten Rettungsfonds mit der Bezeichnung Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) im Juli 2012. Die gebündelte Kreditkapazität der beiden Institutionen wäre jedoch auf 500 Milliarden Euro begrenzt und die Mitglieder würden 200 Milliarden Euro zur Aufstockung des Internationalen Währungsfonds (IWF) für bilaterale Kredite bereitstellen.

Diese Vorhaben seien zwar lobenswert, die Finanzmärkte dürften jedoch deutlich greifbarere, schneller umsetzbare Maßnahmen fordern. Das Problem bestehe darin, dass diese Maßnahmen zwar helfen könnten, die nächste Krise zu vermeiden, aber nicht geeignet seien, um die aktuelle Krise zu lösen. Beispielsweise gebe es angesichts der sich verschärfenden Kreditklemme im Bankensystem keine Aussicht auf unmittelbare Liquiditätsspritzen durch die Europäische Zentralbank (EZB) oder eine andere Institution.

Die jüngsten Liquiditätsmaßnahmen der EZB - die Senkung der Mindestreserve, die Bereitstellung dreijähriger Finanzierungen und die Erweiterung der notenbankfähigen Sicherheiten - würden die Liquiditätssituation verbessern und sollten die Stabilität der Bankfinanzierungen in den Jahren 2012 und 2013 stärken. Bis auf weiteres sei aber alles andere als klar, ob diese Maßnahmen ausreichen würden.

Die Banken und Staaten im Euroraum seien in einer zerstörerischen Umarmung gefangen - wenn die Staaten zahlungsunfähig würden, könnten sich die Banken mit einem Ansturm von Kunden konfrontiert sehen sowie mit höheren Finanzierungskosten und dem Bedarf für Kapitalspritzen. Sollten sich die privaten Märkte jedoch weigern, notleidende Banken zu rekapitalisieren, seien nur noch Staaten ohne Refinanzierungsmöglichkeiten zurückgeblieben. Wie die European Banking Authority am 7. Dezember 2011 bekannt gegeben habe, würden die Banken im Euroraum dringend 115 Milliarden Euro an frischem Kapital benötigen.

Der Plan skizziere keine Vision, das ultimative Ziel bleibe unklar und es würden auch keine Brücken dorthin gebaut. Tatsächlich enthalte das vorgeschlagene Instrumentarium nur ein einziges Instrument - weitere Ausgabenkürzungen. An Vorschlägen zur Stärkung des Wachstums fehle es. Schließlich gebe es kein Anzeichen für Bemühungen, das zugrunde liegende Problem zu adressieren: Den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Länder, der sich in den Ungleichgewichten in der außenwirtschaftlichen Erfolgsrechnung innerhalb der Eurozone widerspiegele - mit Überschüssen im Norden und Defiziten im Süden.

Demütig hätten sich die Gipfelteilnehmer der im Wesentlichen deutschen Ansicht angeschlossen, dass diese Krise durch interne Anpassungen auf Seiten der Schuldner gelöst werden müsse - d.h. durch eine mehrjährige Deflation - und nicht wie ein Ungleichgewicht in den Zahlungsbilanzen innerhalb eines Währungsraums durch Anpassungen auf Seiten der Gläubiger wie auch der Schuldner.

Aus Sicht der Märkte fehle es den auf diesem Gipfel vorgelegten Vorschlägen selbst auf den ersten Blick an Glaubwürdigkeit. Stichwort disziplinierte Finanzpolitik: Der ehemalige Stabilitäts- und Wachstumspakt sei immer wieder verletzt worden, vor allem von Deutschland und Frankreich in den Jahren 2003 und 2004, als beide sich geweigert hätten, die entsprechenden Strafen zu zahlen. Es scheine so gut wie sicher, dass die Regierungen auch diesmal wieder Wege finden würden, um den vermeintlich automatischen Sanktionen für eine Verletzung der strukturellen Neuverschuldungsgrenze von 0,5% zu entkommen. Letztlich werde sich diese Form der Fiskalunion als zu schwach erweisen.

Stichwort Stabilisierungsinstrumente: Anstatt das Volumen der kombinierten Rettungsfonds bei 500 Milliarden Euro zu begrenzen, hätten die Regierungsvertreter ein viel größeres, sofort zündbares "Finanzierungsfeuerwerk" bereitstellen sollen. Schon mehre sich der Widerstand - zum Beispiel aus Japan, den USA und China - gegen einen Einsatz von IWF-Mitteln für weitere Rettungen wohlhabender europäischer Volkswirtschaften. Wie der britische Schatzkanzler George Osborne bemerkt habe, würden die Gipfelvorschläge notwendige, aber nicht ausreichende Bedingungen zur Lösung der Krise darstellen. Leider sei "zu wenig, zu spät" das durchgängige Verhaltensmuster, mit dem die politische Führung der Eurozone diesen immensen Problemen begegne.

All dies bedeute, dass die Euro-Staatsschuldenkrise auch 2012 und sogar darüber hinaus andauern werde. Verstärkt werde die Problematik durch die sich verschärfende Rezession in den hochverschuldeten südlichen Euro-Staaten. An den Finanzmärkten dürfte dies zu einer erhöhten Verunsicherung und Volatilität führen. Unter den wichtigen Währungen verliere der Euro an Attraktivität und werde voraussichtlich weiter gegenüber dem US-Dollar, dem Japanischen Yen und dem Britischen Pfund abwerten.

Da die Notenbanken der Industrieländer die Zinsen bis auf weiteres sehr niedrig halten dürften, sollte der Fokus weiter auf Qualitätsanlagen mit sicheren und nachhaltigen Erträgen liegen: Unternehmens- und Hochzinsanleihen im Bereich der festverzinslichen Anlagen, "rentenähnlichen" Aktien, d.h. Aktien mit verlässlichen, durch stetiges Ertragswachstum geschützten Dividenden und einer guten Dividendenabsicherung in einem schwächeren wirtschaftlichen Umfeld, oder Immobilienfonds mit verlässlich hohen und stabilen Mieteinnahmen. Rohstoffinvestments hingegen würden anfällig für einen Abschwung in Europa und Asien sein. (Jahresausblick 2012 vom 15.12.2011) (09.01.2012/ac/a/m)








 
 

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