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BRIC-Länder im Fokus




27.03.06 16:23
Schroders

Der Aufstieg der so genannten BRIC-Volkswirtschaften (Brasilien, Russland, Indien und China) und deren Einfluss auf den weltweiten Handel, die Warenströme und das Wirtschaftswachstum wird niemandem entgangen sein, so Keith Wade, Experte von Schroders.

In den letzten zehn Jahren habe man einen massiven Anstieg des Welthandels erlebt, der maßgeblich von der lebhafteren Wirtschaftstätigkeit in den BRIC-Ländern angetrieben worden sei.

Die deutlichste Zunahme habe der Handel Chinas verzeichnet, der sich seit Anfang der 90er Jahre vervielfacht habe. 1990 habe Chinas Anteil am Welthandel noch 1,2 Prozent betragen; 2004 sei dieser Anteil bereits auf 7 Prozent angestiegen. Damit sei China nach Japan der größte Exporteur in Asien.

Diese Entwicklung mache sich am stärksten bei den Preisen bemerkbar, die erheblich gefallen seien und beim Rückgang der Inflationsrate. Dies lasse sich vor allem an den Preisen für Bekleidung und Computer-Hardware ablesen, die in den USA seit 1998 um ca. 10 bzw. 80 Prozent gesunken seien.

Hinzu kommen würden die geringen Arbeitskosten in den Schwellenländern und insbesondere China, wo die Stundenlöhne im Verarbeitenden Gewerbe einem Bruchteil (3 Prozent) der in den USA gezahlten Löhne entsprechen würden. Für amerikanische und europäische Unternehmen bestehe daher ein klarer Anreiz zur Produktionsverlagerung, der wiederum zu einem anhaltenden Druck auf die Arbeitskosten und Preise in den OECD-Ländern führe. Dieses Szenario habe es in der Vergangenheit schon häufiger gegeben. Es komme nicht überraschend. Die entscheidende Frage zu diesem Zeitpunkt sei aber, wie lange dieser Trend noch anhalten werde.

Angesichts des Potenzials von rund einer Milliarde Arbeitskräften in den BRIC-Volkswirtschaften rechne man mit einem kontinuierlichen Anstieg des Angebots und einer Ausweitung der Kluft zwischen den großen Handelspartnern bei Produktions- und Lohnkosten.

Die gegenwärtige Situation ähnele in gewisser Weise der weltwirtschaftlichen Lage in den 50er Jahren. Zwar sei die Situation insofern anders gewesen, als dass die Weltwirtschaft sich damals gerade von den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs erholt habe, aber die Nachkriegszeit sei dennoch - wie auch heute - eine Periode der Globalisierung gewesen. Die Volkswirtschaften Europas und Japans, wo seinerzeit zu niedrigen Kosten produziert worden sei, hätten damals als Antriebsmotor für das rapide Wachstum der Weltwirtschaft fungiert.

Als prozentualer Anteil der US-Fertigungslöhne hätten die Lohnkosten in Europa 1950 in etwa den heutzutage in asiatischen Schwellenländern gezahlten Fertigungslöhnen entsprochen. Dieser Kostenvorteil habe zu einer langen Periode des Wachstums in Europa und Japan beigetragen. In Frankreich bezeichne man diesen Zeitraum von 1945 bis 1975 immer noch als die "trente glorieuses" - die Boomjahre der Nachkriegszeit.

Das Ende dieses Konjunkturhochs sei auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen gewesen. Einer der wichtigsten Gründe sei jedoch gewesen, dass Europa und Japan ihren Kostenvorteil gegenüber den USA eingebüßt hätten. Ein wichtiger Faktor stecke in einem konjunkturellen Szenario, das seine Dynamik vor allem aus dem von niedrigen Lohnkosten angetriebenen Welthandel bezogen habe. Hier habe sich der Anstieg des Lebensstandards und der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der 70er Jahre widergespiegelt, der wiederum zu einer Freigabe der Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar geführt habe. In der Folge hätten die Währungen Europas und Japans erheblich angezogen.

Immerhin habe es 30 Jahre gedauert, bis die Fertigungslöhne und damit die Preise in Europa und Japan aufgeholt hätten. Daran zeige sich, über welch lange Zeiträume sich diese makroökonomischen Entwicklungen abspielen könnten. Dieses Szenario könnte sich jetzt auch in China wiederholen.

Die chinesischen Fertigungslöhne seien in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen und noch sei kein Ende des Aufwärtstrends abzusehen. Bisher habe sich diese Entwicklung jedoch noch nicht wesentlich auf den Unterschied zwischen den Produktionskosten in den USA und China ausgewirkt.

Bislang sei es noch nicht zu einer wesentlichen Beschleunigung des Lohnwachstums gekommen, da das Angebot an Arbeitskräften im produzierenden Gewerbe weiterhin zunehme. Obwohl China seine ländliche Bevölkerung stetig in die gewerbliche Wirtschaft absorbiere, sei die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung laut Schätzungen immer noch im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt.

Es sei durchaus möglich, dass der chinesische Agrarsektor auch mit 230 Millionen Arbeitern weniger noch den gleichen Output erzielen könne. Wenn dem so sei, würde die Wiederbeschäftigung dieser Arbeiter in der Industrie ausreichen, um die gegenwärtige Migrationsrate vom Land in die Stadt noch für weitere 14 Jahre aufrechtzuerhalten.

Dieser Trend würde die Struktur der globalen Fertigung weiter verändern. Während Chinas Anteil an der globalen Fertigung heute bei 8 Prozent liege, könnte dieser Anteil bis 2030 auf 20 Prozent steigen. Desgleichen würde der Verfall der Preise für Industriewaren diejenigen Volkswirtschaften unter Druck setzen, auf deren industrielle Produktion gegenwärtig ein erheblicher Anteil ihres BIP entfalle. Sowohl die USA als auch die Eurozone müssten sich auf einen Rückgang ihrer Marktanteile gefasst machen, die derzeit noch den Löwenanteil ausmachen würden.

Die Experten von Schroders würden sich die Frage stellen, was dies für die globalen Märkte bedeute. Wahrscheinliche Folgen seien ein anhaltender Druck auf Löhne und Preise in den OECD-Ländern sowie eine starke Nachfrage nach Rohstoffen und Investitionsgütern, da der industrielle Ausstoß in den BRIC-Volkswirtschaften steige. Diese Faktoren seien einem Umfeld förderlich, das von niedriger Inflation, niedrigen Zinsen und hoher Liquidität gekennzeichnet sei. Im Gegensatz zu früheren Phasen mit niedriger Inflation werde das Wachstum jedoch wohl anhalten, da die wachsende Bevölkerung der BRIC-Länder für neue Nachfrage nach Waren sorge.

Vor allem Energie- und Rohstoffunternehmen würden von der gestiegenen Nachfrage nach Rohwaren profitieren, aber auch Unternehmen des Rüstungssektors und im Bereich Infrastruktur sollten gut abschneiden, wenn die aufstrebenden Volkswirtschaften an wirtschaftlicher Leistungskraft zulegen und verstärkt in ihre weitere Entwicklung investieren würden.

Die demografischen Daten Chinas sollten sich für Unternehmen in den Bereichen Gesundheitswesen, Tourismus und Finanzdienstleistungen als günstig erweisen. Die Altersgruppe der 40- bis 59-jährigen werde bald die größte Altersgruppe innerhalb der enormen Bevölkerung Chinas stellen (im Gegensatz zu Indien sei die Bevölkerungsentwicklung in China aufgrund der Einkindpolitik relativ stabil und sollte nicht wesentlich zulegen). Daher werde das Potenzial an frei verfügbarem Einkommen wohl für Gesundheits- und Altersvorsorge sowie Reisen aufgewendet werden. Dabei sollte man jedoch beachten, dass trotz zunehmender wirtschaftlicher Macht und wachsendem Anteil an der Weltproduktion chinesische Aktien aufgrund geringer Gewinnspannen und der bescheidenen Ertragslage der Unternehmen nicht unbedingt besonders gut abschneiden würden.

Die Unternehmen, die am ehesten von der Wachstumsentwicklung in Schwellenländern profitieren würden, seien die so genannten Plattformunternehmen. Unternehmen wie Dell Computer oder Apple Computer in den USA würden den Wert ihrer Produkte in den USA oder Europa durch professionelles Design und/oder Forschungs- und Entwicklungskompetenzen erhöhen und diese Produkte dann in BRIC-Niedriglohnländern fertigen lassen.

Auch wenn der Economist der chinesischen Boom-Wirtschaft eine Titelgeschichte gewidmet habe, heiße das nicht, dass sich die Märkte der Folgen vollständig bewusst seien. Der globale supply shock sei beileibe noch nicht ausgestanden, und nach Auffassung der Experten von Schroders habe der Markt die Entwicklung noch nicht voll eingepreist.








 
 

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