Die US-Zwischenwahlen haben Präsident Donald Trump und den Republikanern eine deutliche Niederlage beschert, so Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management.
US-Midterms: Politischer Machtwechsel, verhaltene Marktreaktion
Trump könne ein Budgetgesetz per Veto blockieren, sei für einen Haushalt nach seinen Vorstellungen aber auf demokratische Unterstützung angewiesen.

Die Demokraten hätten sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit gewonnen. Der Machtverlust sei auch an den Kapitalmärkten weitgehend erwartet und zu einem guten Teil eingepreist worden. Sein Ausmaß habe jedoch teilweise überrascht, etwa durch demokratische Erfolge in republikanischen Hochburgen wie Kansas und Texas.
Der Machtwechsel werde nicht sofort wirksam. Der neue Kongress trete erst im Jänner 2027 zusammen. Bis dahin würden die bisherigen Mehrheitsverhältnisse gelten. Präsident Trump habe das Ergebnis akzeptiert und trete nun in die "Lame-Duck"-Phase seiner Präsidentschaft ein.
Größere eigene Gesetzesvorhaben werde Trump ohne demokratische Unterstützung kaum noch durchsetzen können. Umgekehrt könnten auch die Demokraten ihre Agenda nicht einfach umsetzen. Für das Überstimmen eines Vetos und eine Verurteilung in einem möglichen Amtsenthebungsverfahren würden die Zweidrittelmehrheiten fehlen. Zudem könnten die Republikaner im Senat viele Vorhaben durch ein so genanntes Filibuster blockieren. Gegenseitige Blockaden seien daher wahrscheinlich.
Bei der Budgetpolitik hätte eine Blockade unmittelbare Folgen. Da die Ausgabenhoheit beim Kongress liege, seien Präsident und Parlament aufeinander angewiesen. Trump könne ein Budgetgesetz per Veto blockieren, sei für einen Haushalt nach seinen Vorstellungen aber auf demokratische Unterstützung angewiesen. Beide Seiten würden daher punktuell Kompromisse eingehen müssen. Angesichts des hohen Defizits und des wachsenden Schuldenbergs könnten die Verhandlungen über Ausgaben und Schuldenobergrenze schwierig werden. Ein Stillstand der Bundesverwaltung im kommenden Jahr sei ein Risiko, aber nicht Kunraths Kernszenario.
Der demokratisch kontrollierte Senat begrenze zudem Trumps personellen Spielraum. Künftige Ernennungen für das Direktorium der US-Notenbank würden die Zustimmung des Senats brauchen. In der Außen- und Handelspolitik dürften die unmittelbaren Folgen dagegen geringer sein, da der Präsident dort über umfangreiche Befugnisse verfüge. Zölle, Sanktionen und Sicherheitsfragen würden mögliche Quellen von Marktvolatilität bleiben.
Die Marktreaktion sei überschaubar ausgefallen. Bei US-Aktien, Staatsanleihen und dem Dollar seien die Bewegungen unterm Strich gering geblieben – passend zum weitgehend eingepreisten Wahlausgang. Daneben hätten KI-Investitionen, Konjunktur und geopolitische Risiken das Marktgeschehen beeinflusst.
Historisch habe sich der US-Aktienmarkt nach Zwischenwahlen sehr positiv entwickelt. Seit 1950 habe der S&P 500 zwölf Monate nach jeder Midterm-Wahl im Plus gelegen, im Durchschnitt um rund 15 Prozent. Auf dem Weg dorthin sei es allerdings teils zu erheblichen Kursschwankungen gekommen. Nach den Midterms 2018 (während Trumps erster Präsidentschaft) sei es beispielsweise zunächst deutlich bergab gegangen, bevor sich der Markt erholt habe und zwölf Monate später im Plus gelegen habe. Das Muster bedeute daher weder einen geradlinigen Kursverlauf noch eine Garantie für eine Wiederholung.
Eine politische Blockade könne kurzfristig stabilisieren, weil sie abrupte politische Veränderungen unwahrscheinlicher mache. Das sei ein Grund, warum die US-Finanzmärkte auf diese Konstellation in der Vergangenheit meist positiv reagiert hätten. Angesichts hoher Haushaltsdefizite und wachsender Staatsschulden würden strukturelle Entscheidungen jedoch immer dringlicher werden. Politischer Stillstand wäre daher nicht zwangsläufig positiv.
Bei KI seien die Märkte zuletzt vorsichtiger geworden. Kunrath sehe weiterhin Kurspotenzial. Entscheidend sei aber, ob die massiven Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter und KI-Infrastruktur entsprechende Umsätze und Gewinne bringen würden. Würden die daraus erzielten Erträge hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben, könnten Bewertungen und Investitionspläne stärker hinterfragt werden.
2027 dürfte bereits die Präsidentschaftswahl 2028 stärker in den Marktfokus rücken. Ein demokratischer Präsident mit Mehrheiten in beiden Kammern könnte etwa durch strengere Regulierung oder eine veränderte Steuer- und Energiepolitik den Ausbau von Rechenzentren bremsen und neue Unwägbarkeiten schaffen.
Neben KI würden Konjunktur und Inflation in den Blick rücken – und damit die zuletzt gesunkenen US-Anleiherenditen. Darin könnten sich Erwartungen einer schwächeren US-Konjunktur 2027 und sinkender Inflationsraten spiegeln. Sofern die Energiepreise nicht erneut kräftig steigen würden, würden frühere Preissprünge zunehmend aus dem Jahresvergleich fallen. Dieser Basiseffekt könnte die Gesamtinflation und den Druck auf die US-Notenbank dämpfen. Entscheidend bleibe, ob auch der zugrunde liegende Preisdruck nachhaltig nachlasse.
Beim Iran-Konflikt könnte der politische Schwebezustand nach den Midterms einer Entscheidung weichen. Ein Abkommen, mit dem Trump ein strategisch unbefriedigendes Ergebnis für die USA faktisch akzeptiere, könnte Energiepreise und Inflationserwartungen dämpfen. Das wäre voraussichtlich positiv für Staatsanleihen und dürfte auch Aktien unterstützen.
Eine erneute Eskalation durch die USA oder Israel könnte dagegen schwerwiegende Folgen für die Region und die Weltwirtschaft haben, besonders wenn der Iran seine Gegendrohungen umsetze. Steigende Energiepreise könnten die Inflationsentspannung verzögern, Anleiherenditen erneut nach oben treiben und Aktien belasten.
Die Midterms seien politisch einschneidend, für die Finanzmärkte aber nicht zwangsläufig ein Wendepunkt. Ob sich das positive historische Nachwahlmuster wiederhole, dürfte weniger vom neuen Kongress allein als von Anleiherenditen, der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der KI-Investitionen und dem Iran-Konflikt abhängen.
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